Das Jahr der schwachen Nerven

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knvmmdb„Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum;“ dieser Halbsatz, beschlossen durch ein Semikolon, ist sicherlich einer der berühmtesten Romananfänge der Literaturgeschichte. Aber den schönen Augusttag des Jahres 1913, mit dem Musil seinen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beginnen lässt, gab es nicht – im Gegenteil, der August des Jahres 1913 wird der kälteste des gesamten 20. Jahrhunderts, erfährt der Leser aus Florian Illies‘ „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“.

Auch wenn der Sommer kalt ist, die Gemüter sind erhitzt: Kafka zum Beispiel hat Liebeskummer und wird Hilfsgärtner, um sich zu beruhigen. Die Liebesbriefe, die er an Felice nach Berlin schickt, bestechen vor allem durch ihre herzzerreißende Aufrichtigkeit. Auch Oskar Kokoschkas Nerven liegen blank: Alma Mahler, gerade erst verwitwet, treibt den wie wild immer wieder seine „Almi“ malenden Künstler schier in den Wahnsinn. Es ist ein Jahr der Ehekrisen und Eskapaden: Bei Schnitzlers hängt der Haussegen schief, Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn haben eine Affaire.

Großstädte, in denen die Neurasthenie prächtig gedeiht, und Kurorte, in denen die angespannten Nerven wieder zur Ruhe kommen sollen, sind, so scheint es, die Hauptschauplätze des Jahres, dem der abergläubische Schönberg aufgrund der 13 misstrauisch begegnete. Thomas Mann beginnt mit dem „Zauberberg“, zwei Zeppeline stürzen ab und in München malt der junge Adolf Hitler Ansichtskarten.

Das und viel mehr liest man in Illies‘ vergnüglichem Buch, das aus vielen einzelnen Anekdoten besteht, die auf kaum mehr als zwei Seiten, meistens aber nur in einigen Zeilen entworfen werden. Souverän gestaltet Illies so Puzzlestück um Puzzlestück und wird zum rasenden Reporter des Jahres 1913 – ein Jahr, in dem Robert Musil übrigens (genau wie sein Protagonist Ulrich) „Urlaub vom Leben“ nimmt. Angesichts der allgemein schwächelnden Nerven in diesem Jahr vermutlich eine vernünftige Entscheidung.