Die toten Winkel der Erinnerung

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„Liebe, Sex, Moral, Freundschaft, Glück, Leid, Verrat, Ehebruch, Gut und Böse, Helden und Schurken, Schuld und Unschuld, Ehrgeiz, Macht, Gerechtigkeit, Revolution, Krieg, Väter und Söhne, Mütter und Töchter, der Einzelne gegen die Gesellschaft, Erfolg und Versagen, Mord, Selbstmord, Tod, Gott und Schleiereulen.“ Das ist alles, worum es in der Literatur geht, so fasst es Julian Barnes in „Vom Ende einer Geschichte“ (2011 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet) kurzerhand zusammen. Die großen Themen dieses Romans kommen in dieser Aufzählung allerdings nicht vor: Erinnerung und Selbsttäuschung, Verantwortung und Reue.

Der Protagonist Tony Webster erzählt im ersten Teil des Buches die Geschichte seines Lebens – eine Geschichte über Freundschaft, erste Liebe und Erwachsenwerden. Doch schon früh schimmert durch die glatte Oberfläche des Narrativs, das Tony für sein Leben entworfen hat, etwas hindurch: irgendetwas stimmt nicht an der Schilderung Tonys, irgendetwas ist seltsam, irgendetwas bleibt ausgespart und unerwähnt. Barnes geht hier beeindruckend subtil vor und Tonys Geschichte entwickelt so, ohne je aufdringlich und plakativ zu sein, ihren ganz eigenen Sog. Wenn Tony im zweiten Teil des Romans mit den toten Winkeln seiner eigenen Erinnerung konfrontiert wird, wird das Buch regelrecht zum Krimi. Atemlos verfolgt der Leser, wie der Protagonist den Rätseln seiner Lebensgeschichte auf die Schliche kommt. Und möchte am Ende gleich wieder von vorn beginnen.