Noch ’ne Verordnung

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Die neue Coronavirus-Einreiseverordnung des Bundes gilt bereits ab Sonntag, dem 1. August.

Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Die Verordnung beinhaltet eine generelle Nachweispflicht für Einreisende unabhängig von der Art des Verkehrsmittels und unabhängig davon, ob ein Voraufenthalt in einem Hochrisiko- bzw. Virusvariantengebiet stattgefunden hat. Personen ab 12 Jahren müssen grundsätzlich bei Einreise über ein negatives Testergebnis, einen Impfnachweis oder einen Genesenennachweis verfügen.

Deutschland ist ein Bundesstaat und so kann jedes Bundesland, auch das von seiner Mauer befreite Berlin, eine Durchführungsverordnung dazu erlassen. Unser Bürgermeister heißt in der Tradition Friedrichs des Großen ganz einfach Müller. Er hat mitgeteilt, dass Einreisende nach Berlin auch dann als genesen gelten, wenn sie ein Eisbein-Essen über sich ergehen lassen. Zum Verzehr darf die Mund-Nasen-Bedeckung entfernt werden. 

Klassisch isst man Eisbein mit Erbspüree, Sauerkraut und viel Senf, heißt es im kleenen Zille-Kochbuch (Bild und Heimat, 9,99 Euro). Wem das nicht schmeckt, der muss in Quarantäne.

Für Veganer besteht übrigens keine Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, wie wir von Attila Hildmann wissen (Vegan for Fit, Becker Joest Volk, vergriffen). 

 

Selbstwahrnehmung, Welterfahrung

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Was Sie auf diesen Seiten lesen, soll Sie dazu anspornen, meine Buchhandlung zu besuchen. So wünsche ich es mir. Ihr Aufenthalt in der Buchhandlung soll ein Bildungserlebnis sein, im besten Falle auch für mich. Die Begriffe der alten Welt, sich mit Dingen befassend Gedanken auszudrücken, sind hier gegenwärtig.

Die Parallelwelt am Computer spiegelt eine Wirklichkeit vor. Ob ein Haufen Informationen das welthaltige Wissen ersetzen kann, ist die Frage. 

Antworten bringt das Buch POSTDIGITAL des Musikers und Philosophen Peter Schmitt. Es lässt uns das Diktat der Digitaliserung erfassen, den Menschen immer weniger humanistisch-reflexiv und dafür mehr technisch-effizient auszubilden. Sich auf der feinpixelig geschmeidigen Oberfläche zurechtzufinden, wird aktuell als Medienkompetenz gelehrt. Somit aber degenerieren wir nicht nur zu Analphabeten der Schriftsprache, sondern sind gleichzeitig Analphabeten der Programmiersprachen geworden.

Die Welt wahrnehmend sich selbst zu erfahren: dazu verhilft nur das Buch! 

Kannst du lesen, kannst du rechnen?

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Ein Pixi-Buch ist nicht sehr groß, doch auf seine 24 Seiten passt immer eine lustige oder lehrreiche Geschichte. Pixi-Bücher bieten Leseförderung und Sammelspaß und haben auf dem hinteren Umschlag einen Spiel- oder Basteltipp, präsentiert von Pixi, das bei jedem Wetter draußen ist; auf der Bölschestraße, wo Maskenpflicht besteht, ist sein Mund und seine Nase mit dem roten Tuch mit weißen Punkten bedeckt. In meinem Geschäft bilden die Pixi-Bücher die am meisten verkaufte Buchreihe, seit vielen Jahren gibt es sie für 99 Cent. 

Nun ist das 2500ste Pixi-Buch erschienen! Darin wird ein großes Paket ausgepackt, ich verrate aber nicht, was drin ist. Soviel kann ich sagen: es sind keine Pixi-Bücher drin. 

Könnt ihr mir mal ausrechnen, welche Maße ein Paket haben müsste, in das alle bislang erschienenen 2500 Pixi-Bücher passten? Wenn ich euch sage, dass ein Pixi-Buch 10×10 cm groß ist und 3 mm dick, dann kriegt ihr das sicherlich raus! Für jede richtige Antwort gibt es im Geschäft ein Geschenk. 

Ob wir uns halten können in der Masse

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Wie schwer ein Menschenleben wiegt, so heißt das Buch von Maren Gottschalk über das kurze und doch reiche Leben der Sophie Scholl (Beck, 24 Euro). An diesem Sonntag feiern wir ihren 100. Geburtstag; heute ist die Widerstandskämpferin überall zum Vorbild für junge Frauen geworden (Good Night Stories for Rebel Girls, 100 außergewöhnliche Frauen, Hanser, 24 Euro). Olga Misik, eine 19-jährige Russin, liest der Polizei die Verfassung des Landes vor, die Staatsanwaltschaft will das mit 2 Jahren Gefängnis bestraft sehen; die Demonstrantin sagt, ihr Vorbild sei Sophie Scholl.

An Sophie Scholl, die durchaus nicht selbstsüchtig war, sondern von Selbstzweifeln geplagt den Glauben an das Gute im Menschen suchte, hat mich der weite geistige Horizont beeindruckt, den sie während ihrer kurzen Lebensdauer in sich aufnehmen konnte. Die Gerechtigkeit bedeutete ihr mehr als die Loyalität. Sie war heiter, aber auch verschlossen. Blaise Pascal las sie besonders gern, berichtet ihre Biografin: seine Logik des Herzens war ihr wesentlich.

Ein kleines Selbstportrait habe ich in dem folgenden Wort von Sophie Scholl gefunden: Aber im Grunde kommt es ja nur darauf an, ob wir bestehen, ob wir uns halten können in der Masse, die nach nichts anderem als nach Nutzen trachtet.

Das Leben ist schön und der Mensch ist nicht viel darin

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Meret Becker ist eine tolle Schauspielerin, sie liest vom Blatt: Unser Leben ist soviel schöner geworden! Wir alle sind so empathisch und fürsorglich und geben aufeinander acht, das ist so schön. 

Es ist so schön, in aller Ruhe in der Bölschestraße spazierenzugehen, wo endlich kein geschäftiges Treiben mehr herrscht. Zwischen den Pflastersteinen an der Buchhandlung macht sich der Löwenzahn breit, die Welt ist immer Lebensraum, sagt Emanuele Coccia (Die Wurzeln der Welt, dtv, 10,90 Euro), und der Mensch ist nicht viel darin. 

Der Korsch-Verlag hat gerade seine Kalender-Kollektion für 2022 auf den Markt gebracht, die Meerblicke (5,95 Euro) mit Ansichten von Nord- und Ostsee zeigen menschenleere Landschaften, einzelne Strandkörbe stehen verlassen da. Was sind das für Zeiten, wo eine Reise ans Meer fast ein Verbrechen ist.

Dass sich die Tatortdarsteller in ihre Berliner, Hamburger und Münchener Vorortvillen eingeschlossen haben, hat übrigens in Deutschland mehr Todesfälle verhindert, als die Seuche Opfer gekostet hat. Das Statistische Bundesamt teilt mit, dass im Februar und März 2021 deutlich weniger Menschen gestorben sind als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor. Auch die suizidale Neigung der Deutschen ist bislang nicht stärker geworden.

Was schlimm ist: nicht sterben zu können zur rechten Zeit, sondern am Leben bleibend zu verzweifeln. Gegen den Überlebensfrust schreibt die Unternehmerin Sina Trinkwalder an (Im nächsten Leben ist zu spät, Knaur, 10,99 Euro): Der Unterschied zwischen positivem und optimistischem Denken ist die Realität. …

Das Problem ist gegeben, was aber können wir daraus machen?

Eine der letzten Kundinnen riet mir neulich, den Löwenzahn zu jäten. Ich achte ihn aber und lasse ihn wachsen.

Heimweh nach der Fremde

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Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch bezeichnete einmal seine Sehnsucht nach Welt, „nach Wolken über dem offenen Meer“, als Heimweh nach der Fremde. Xenophilie heißt die Liebe zu fremden Dingen und Menschen, die wir durch Reisen erfüllen können. 

Aus der Schweiz kommt ein Buch, welches uns dazu verhelfen kann, das Eigene als Fremdes wahrzunehmen. Der Reiseführer des Zufalls bietet zahllose Anregungen zum spontanen Verreisen. Er ist in jeder Stadt der Welt anwendbar.

Wie aufregend es ist, in der eigenen Stadt unterwegs zu sein und die Muster der Fassaden wahrzunehmen, Spiele von Licht und Schatten und eine Unmenge von Gegenständen, die achtlos weggeworfen scheinen!

„Finde etwas und erfinde eine abenteuerliche Geschichte dazu“, heißt ein Hinweis aus diesem Buch. Und denke daran, dass du zufällig hier bist.

Kaffee und Tee und Tiger und Bär

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Heute wird der Künstler, der sich Janosch nennt, runde neunzig Jahre alt! Endlich ist er ein Klassiker, und zwar Klassiker in Gelb, wie der Reclam-Verlag wirbt. In der Universal-Bibliothek ist nämlich für 6,00 Euro die komplette Wondrak-Kolumne erschienen, die er für das ZEITmagazin gestaltet hat. Es ist eine kleine Wundertüte voller Lebensweisheiten:

Herr Janosch, was ist besser, Kaffee oder Tee?

Tee ist gut für das Denken. Aus dem Denken entstanden die entscheidenden Irrtümer der Menschheit. Also Kaffee.

Eine geballte Ladung an Lebenssinn und Unsinn bietet das dicke Buch Ach, so schön ist Panama! Das ist der vom Beltz-Verlag herausgegebene Sammelband mit allen Tiger-und-Bär-Geschichten für 15,95 Euro:

Uns piekt nichts. Ein Tiger ist ein Tiger, und ein Bär ist ein Bär.

Alles lecker

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Walter Kempowski, ein Meister der Sottisen, vertraute am 9. März 1991 in Nartum seinem Tagebuch an: Wegen „Sonnabend“ und „tschüs“ hassen uns die Süddeutschen. Gegen „gell“ habe ich nichts. Bei „lecker“ scheiden sich die Geister. 

Was zu der Frage führen mag, ob in Norddeutschland kein Hafer mehr wächst. Stefan Gärtner hat einmal Hafermilch probiert, die aus „lokalem Anbau“ italienischer Bio-Landwirtschaft herbeigekarrt wurde; die ist, steht auf der Packung, „für dich, für die Umwelt, für den leckeren Geschmack“. Er nimmt dann das Wort „lecker“ zum Anlass einer Analyse zeitgenössischen Sprachgebrauchs: weil sie so schön nach Kindermund und -seligkeit klingen,  sind diese zwei Silben der Konsumdemokratie zugeeignet, der wir uns tagtäglich beigeben. Akklamation ist der Grund der Terrorsprache, welche Gärtner in seinem Wörterbuch des modernen Unmenschen unter die Lupe nimmt. 

Wie wir uns (im wahrsten Sinne des Wortes) entmündigen, indem wir uns die Werbesprache zueigen machen, zeigt der Autor an weiteren Beispielen von „Alles gut“ bis „zeitnah“. Wenn ich „wir“ sage, mache ich schließlich Reklame für dieses reizvolle Buch.

Nun sage ich, denn ich bin ein Kind des Schwabenlandes, „tschüssle“ und auf Wiedersehen in meinem Buchladen, in dem ich Ihnen Gärtners Buch „gerne“ verkaufe. 

Das Gefühl meiner Winzigkeit

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Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland. (Das war vor mehr als 100 Jahren schon ein Thema.) Es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden — Schritt für Schritt vernichten.

Die Autorin dieser Zeilen ist berühmt als Kämpferin für die sozialen Rechte der unterdrückten Menschen. Weniger bekannt ist, wie sehr sie alles Lebendige, in dem wir geborgen sind, bekümmert hat.

Nicht um den Gesang für den Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen, unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, dass ich weinen muss.

Ich lese Rosa Luxemburg, die heute vor 150 Jahren geboren wurde. Als Naturkundlerin begegnet sie uns in ihrem Herbarium. Sie hat Pflanzen gesammelt, wo sie ging und stand, in der Freiheit wie im Gefängnis, und damit insgesamt 16 Schulhefte gefüllt, deren Inhalt vom Karl-Dietz-Verlag kürzlich komplett veröffentlicht worden ist.

Aus dem Gefängnis schrieb sie einmal an Luise Kautsky:

Ich besuche jeden Tag ein rotes Marienkäferlein mit zwei schwarzen Punkten auf dem Rücken, und — fühle mich im ganzen nicht wichtiger als dieses Marienkäferlein und in diesem Gefühl meiner Winzigkeit unaussprechlich glücklich.

Warum Friseure öffnen können

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Jeden Abend auf dem Heimweg, lese ich in Bohumil Hrabals „Ich habe den englischen König bedient“, grübelte ich, unterhielt mich mit mir selbst, erzählte mir von neuem, was ich an diesem Tag alles gesagt oder getan hatte, und fragte mich, ob ich es richtig gesagt oder getan hatte, und ich erkannte nur das als richtig an, was mich amüsiert hatte. Darin steckt die Idee, dass die Welt, selbst wenn sie schlecht ist, mir nicht schlecht bekommen muss, dass ich also vom Verderblichen mich nicht verderben zu lassen habe.

Warum dürfen Friseure öffnen und ich nicht, klagt eine Geschäftsfrau in der Bölschestraße und unterwirft sich dem Sachzwang, den sie bekämpfen möchte.

Dem Büchermenschen, der sich in der Literatur spiegeln kann, hilft gegen die falsche Wirklichkeit die Poesie. Sie sei das Vergnügen, so Hrabal, die schönen Dinge und Geschehnisse in die Erinnerung einfließen zu lassen: denn die Schönheit neige sich und reiche immer zum Transzendenten hin, das heißt zum Endlosen und zur Ewigkeit. 

An anderer Stelle schreibt der altersweise, darum heitere Autor: Zu den geflügelten Schuhen des Lachens passt die letzte Ölung am besten.

Was für ein Glück, in einem Buchladen zu sein! Hier bin ich von den Boten der Ewigkeit umgeben.  (mehr …)