Mit der Reife wird man immer jünger

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Eine Kundin hat das Bändchen von Hermann Hesse bestellt und ich blättere darin. 

„Im Altwerden“ heißt ein Gedicht, das so beginnt: „Jung sein und Gutes tun ist leicht, / Und von allem Gemeinen entfernt sein; / Aber lächeln, wenn schon der Herzschlag schleicht, / Das will gelernt sein.“ 

Das ist eine wundervolle Idee: mit dem Altwerden steigert sich das Gefühl, lebendig sein zu können, sodass es eine Freude ist! 

„Und wem’s gelingt, der ist nicht alt, / Der steht noch hell in Flammen“, heißt es bei Hesse weiter. Über das Wörtchen „noch“ allerdings wird nachzudenken sein. 

Ein klares Herz

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Möglicherweise handelt es sich bei dem „Demokratiefördergesetz“ um ein Stück konkreter Poesie; ich habe es nicht gelesen. 

Ich bin bei Botho Strauß (Die Fehler des Kopisten): „Nötiger denn je hat die Demokratie eine ihr abtrünnige Instanz, zu der sie eine lebhafte Spannung unterhielte. Also der geheime Körper des Widersachers, der magische Schlaf des Königs im Berg? Nein. Es genügt ein klares Herz. In seinem Herzen ist niemand Demokrat.“ 

Zu diesem 18. März sei zwar ausgerufen: Lang lebe die Republik! 

Ungerührt bleibe die herzliche Freiheit der Kunst!! 

Jenseits der vorliegenden Ausdrücke

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Klar ist: Der Journalismus kommt nicht umhin, eingeübter Phrasen sich zu bedienen, wenn er der Aufklärung dienstbar sein möchte. 

Verwirrend hingegen ist die Welt der Literatur: Zwischen Verklärung und Verdunklung, Verzweiflung und Verzückung sich bewegend, schöpft sie Unerhörtes aus der deutschen Sprache. 

Von Goethe steht geschrieben: 

„Leider bedenkt man nicht daß man in seiner Muttersprache oft ebenso dichtet als wenn es eine fremde wäre. Dieses ist aber also zu verstehen: wenn eine gewisse Epoche hindurch in einer Sprache viel geschrieben und in derselben von vorzüglichen Talenten der lebendig vorhandene Kreis menschlicher Gefühle und Schicksale durchgearbeitet worden, so ist der Zeitgehalt erschöpft und die Sprache zugleich, so daß nun jedes mäßige Talent sich der vorliegenden Ausdrücke als gegebener Phrasen mit Bequemlichkeit bedienen kann.“ 

Literatur und Gelächter

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Es handele sich um Bände aus dem Nachlass eines Psychologen, erzählte der Flohmarkthändler, da meine Begeisterung zu bemerken war, als ich die Werke von John Berger und Lars Gustafsson, Fernando Pessoa und Georges Perec, Antonio Tabucchi und Alberto Manguel aus seinen Bananenkisten fischte. 

In einem Roman von Perec, den ich dann erwarb, fand ich den Zeitungsausschnitt einer ZEIT-Kolumne, in welcher Ulrich Greiner vor gut zwei Jahrzehnten bemerkte, dass gemessen an jenen derartiger Autoren der Weltliteratur die zeitgenössischen deutschen Romane oftmals blass wirkten: Unsere Autoren der jüngeren Generation erstreben Professionalität und erreichen sie oft. Sie schreiben besser, sie wollen Wirkung, sie beherrschen ihr Handwerk. Aber ihnen fehlt das Moment der Offenbarung, das sowohl den Leser wie den Autor bestürzend ereilt. Ihnen fehlt der Mut zur Tragik, aber auch der Witz, würde ich ergänzen. 

Ich schlug meinen Perec auf und las: „Nur die Dummköpfe sprechen noch ohne Gelächter vom MENSCHEN, vom TIER, vom CHAOS. Das lächerlichste Insekt braucht zum Überleben die gleiche, wenn nicht gar eine noch größere Energie als sie wer weiß noch welcher Flieger, Opfer der wahnsinnigen Fahrpläne, die eine Fluggesellschaft durchsetzte, der anzugehören er auch noch stolz war, aufwenden musste, um einen Berg zu überfliegen, der bei weitem nicht der höchste war.“ 

Die Wahrheit der Empfindung

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Auf den Tag vor einem halben Jahr ist Martin Walser gestorben. Die aktuelle Ausgabe von SINN UND FORM bringt eine Abschiedrede von Iris Radisch, in welcher sie den Dichter vom Bodensee als verkannten Denker würdigt, der die Größe gehabt habe, auf der Kleinheit des eigenen Ichs zu bestehen. Mit seinem Helden Kierkegaard verband ihn nämlich die Leidenschaft, nur solche Ideen anzuerkennen, die sich lebendig empfinden ließen; spekulative Gedankengebäude lehnte er ab. 

Martin Walsers Gedankenwelten konnten und wollten keine intellektuelle Diskurshoheit beanspruchen. Hier sprach jemand so, wie er empfand, hält Radisch fest und benennt in dieser Hinsicht Robert Walser und Franz Kafka als seine weiteren Leitsterne. 

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Marin Walser war, das unterschlägt Iris Radisch, auch ein eifriger Nietzsche-Leser. Bei letzterem hieß es nämlich, dass der gefährlichste Feind der Wahrheit nicht die Lüge sei, sondern die Überzeugung! 

Der siebte Tag

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Es ist eines der Bücher, die seit Jahrzehnten im Buchhandel präsent sind: „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“ (Fischer Taschenbuch, 11 Euro). Anna ist, nicht viel anders als der kleine Jesus, ein Findelkind, das mit seinen weise-witzigen Bemerkungen die Erwachsenen immer wieder in Erstaunen versetzt, wenn nicht gar aus der Fassung bringt.

„Das Größte ist der siebte Tag. Am siebten Tag hat Gott die Ruhe gemacht, geschaffen, meine ich.“

Es mag also ein Hinweis Gottes sein, dass der Heilige Abend in diesem Jahr auf den Sonntag fällt. Der Trubel des Vorweihnachtsgeschäfts fällt von einem ab und eine heilsame Ruhe tritt ein.

All die vielen Sachen zu machen, die unserer Welt ihren Nutzen bereiten, sollte für alle Kreaturen eine lebenswerte Ordnung bringen, sagt Anna: Nachdem Gott dann das Alles geschaffen hatte, „konnte er sich die Ruhe ausdenken. Und darum ist die Ruhe das allerallergrößte Wunder.“ 

Das Weihnachtsfest wolle also dem Ausruhen, dem Nutzlosen dienen, somit dem Dichten und Singen!

Die seltsame Wendung

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„Ich aber meine, dass man die Bücher, die während der Zeit ihres Entstehens nicht gelesen werden müssen (und zwar: von unsereinem nicht gelesen werden müssen), später nicht mehr für die bedeutendsten halten wird und vielleicht überhaupt nicht für bedeutend. (Später, wenn das Geschwätz — »den Geist der Epoche ausdrücken« und so; als ob die Aufgabe der Literatur darin bestünde, mit Radio, Film und Presse zu wetteifern — wieder einmal vorüber sein wird.)“

Das ist Ludwig Hohl (1904-1980) in seinen legendären „Notizen“ (24,95 Euro): „Die sich bemühen Neues zu schreiben, sind keine Schriftsteller.“ 

Es ist ein schönes Paradox, dass aus dem Nachlass des Schweizers nun „Die seltsame Wendung“ in der Bibliothek Suhrkamp erscheint (22 Euro). Ob diese Entdeckung wohl eine Bedeutung erlangen wird? 

„Wer nach der Befriedigung der Leser zielt, macht niemals Kunst“, heißt es beim Hohl, dessen Bücher sich keiner regen Nachfrage erfreuen. Der Buchhändler muss aber nicht klagen, denn er hat ja den Schirach und die Zeh im Sortiment.

Aus aktuellem Anlass

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„Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.“

Das ist der alte Goethe, sein treuer Diener Eckermann hat uns die Worte überliefert: 

„Hüten wir uns aber mit unseren neuesten Literatoren zu sagen, die Politik sei die Poesie, oder sie sei für den Poeten ein passender Gegenstand. Der englische Dichter Tomson schrieb ein sehr gutes Gedicht über die Jahreszeiten, allein ein sehr schlechtes über die Freiheit, und zwar nicht aus Mangel an Poesie im Poeten, sondern aus Mangel an Poesie im Gegenstande. 

Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geist, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.“ 

Das Vorhaben, mit einem Roman in das aktuelle Weltgeschehen eingreifen zu wollen, führte also zu nichts Besserem als der Pfuscherei. 

Aus vergangenen Schulzeiten

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„Dachböden sind so etwas wie die Friedhöfe der Dinge des Zuhauses. Es sind Orte, an denen sie auf ihre Wiederauferstehung warten, zu der es in aller Regel nicht kommt. Es sind Gefängniszellen, in denen fast alle verurteilten Gegenstände eine lebenslange Strafe verbüßen.“ Das steht in Emanuele Coccia’s Das Zuhause (Hanser-Verlag, 22 Euro).

Da lagern also Schriftstücke aus längst vergangenen Schulzeiten, die mit mechanischen Schreibmaschinen erstellt wurden: Wer weiß noch, wer damals ihr Autor war? Man ließe sie lieber vergammeln, bevor sie jemand aufstöberte.

Von den Inhalten der Kiste, die mein Bruder neulich auf dem Dachboden unseres Elternhauses gefunden hat, lässt es sich freilich nicht leugnen, dass sie auf meinem Mist gewachsen sind. Sowohl der Karton als auch die Schulhefte, welche er enthält, sind mit meinem Namen bezeichnet.

Besonders die in den Deutsch-Heften niedergeschriebenen Diktate und Aufsätze haben es in sich. Bevor es andere aufdecken, gebe ich es selber zu: Der Deutsch-Lehrer, der das Verfertigen meiner Gedanken arg beeinflusst hat, ist nach heutigen Maßstäben ein Rechtsextremist gewesen. Keinesfalls ein Nazi, möchte ich betonen, eher eine Art Deutsch-Römer war dieser Mann.

Da ich in einem meiner schönen Aufsätze den „Aktivismus“ rühmte, der sch die Welt zu verbessern vornähme, beanstandete er, dieses sei ein „Bolschewistenwort“! Und er ließ uns Schüler die „Deutsche Schrift“ einüben, die dank ihrer „Klarheit, Ordnung und Schönheit“ der lateinischen vorzuziehen sei. Mit blauer Tinte schrieb ich damals folgenden Goethe-Spruch: „Wer mit dem Leben spielt, / Kommt nie zurecht; / Wer sich nicht selbst befiehlt, / Bleibt immer ein Knecht.“

Das ist doch kein Rücktrittsgrund. 

Ein außergewöhnlicher Sommer

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Aus dem Nachlass Gustave Flauberts sind mehrere Konvolute überliefert, die man dann zu dem Wörterbuch der gemeinen Phrasen zusammengefasst hat. Hans-Horst Henschen, der im Wallstein-Verlag eine Neuausgabe besorgt hat, nennt es ein Verzeichnis von „Leitsätzen der kalauernden Vernunft“. 

Was sich zum „Sommer“ so sagen lässt, fasst Flaubert folgendermaßen zusammen: 

Ein  — ist immer „außergewöhnlich“, gleich ob heiß oder kalt, trocken oder feucht.