Singen und lachen

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Für das neue Jahr habe ich mir nur zwei Dinge vorgenommen: öfter ein Lied zu singen und viel mehr zu lachen.

Zur Zeit gehe ich morgens mit einem Ohrwurm von ABBA aus dem Haus: The winner takes it all, the loser has to fall. It’s simple and it’s plain. Why should I complain? Darin steckt zwar ein Schmerz, Leben heißt Verluste hinnehmen, doch macht es mich froh: die Neugier bleibt.

Viel gelacht habe ich bei der Lektüre Auf der Suche nach dem verlorenen Glück von Jean Liedloff (1926-2011), dieses Buch ist ein Schatz, der Titel der deutschen Ausgabe (bei Beck für 14 Euro) allerdings oberflächlich; der Wahn vom Glück ist ja eine intellektuelle Anstrengung. Das Buch sollte besser vielleicht „Leben im Einklang mit der Umwelt“ heißen.

Ein gewohntes Maß von Angst wird gerne aufrechterhalten, schreibt die Autorin, kann doch ein plötzlicher Verlust all dessen, „worüber man sich Sorgen machen kann“, eine umfassendere und unendlich viel akutere Form von Angst hervorrufen. Für einen seinem Wesen nach am Rande der Katastrophe beheimateten Menschen ist ein Riesenschritt in die Sicherheit nicht minder unerträglich als die Verwirklichung all dessen, was er am meisten fürchtet. 

Why should I complain? singen ABBA.

Jean Liedloff erzählt die Geschichte einer Freundin, die so durchs Leben stolperte, dass es zum Lachen ist. Diese Geschichte endet mit dem Satz: Als ich das letztemal von ihr hörte, erzählte sie mit der für sie bezeichnenden Fröhlichkeit, sie sei beim Aufräumen nach einer Party aus dem Rollstuhl gefallen und habe sich eines ihrer gelähmten Beine gebrochen.

Herr Bruder Sonne

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Gelobet seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest. 

In den romanischen Sprachen ist die Sonne von männlichem Geschlecht: Laudato si‘, mi‘ signore, cun tucte le tue creature, spetialmente messor lo frate sole, so heißt der italienische Text von Francesco d’Assisi. Es sind nun allerdings nicht die bescheidenen Franziskaner, sondern die als Buchverleger tätigen Benediktiner von Münsterschwarzach, die mir den Sonnengesang in einer fein illustrierten, sechssprachigen Ausgabe gebracht haben (8 Euro) — eine erbauliche Lektüre an diesem Tag der Wintersonnenwende. 

Dass es Leben auf dieser Erde gibt, so habe ich mir die Erklärung einer Naturwissenschaftlerin gemerkt, dass es also uns Menschen als Geschöpfe dieser Erde gibt, verdanken wir der im Planetensystem wohl einmaligen Konstellation, etwas von den Strahlen der Sonne abzubekommen: so kann uns unsere Schwester, Mutter Erde, singt der Heilige Franziskus, erhalten und vielfältige Früchte und bunte Blumen und Kräuter hervorbringen. 

Vom Schlachten

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Heute vor 75 Jahren tritt Hans Henny Jahnn in einem unversehrten Saal des Hamburger Rathauses auf und hält eine Ansprache, welche mir, seit ich sie vor einigen Jahren in der Zeitschrift SINN UND FORM gelesen habe, nicht mehr aus dem Kopf geht. Der Schriftsteller, Pazifist und Orgelbauer ist 1946 aus dem Bornholmer Exil in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. 

Gibt es eine andere bedeutende Rede, die die Opfer der Jahre 1914 bis 1945 bedauert, die das Leid der Tiere einschließt? Jahnn hält es für seine Pflicht, dass ich als Lebender jener gedenke, die nicht mehr leben, der toten Menschen und der toten Tiere, die in diesen grässlichen Jahren dahingegangen sind.

Mitleid, das die Tiere nicht berücksichtigt, ist kein Mitleid. Mitleid aber ist es, dass diese irdische Welt mit Musik ausgewölbt wurde. Der Kuhhüter ruft die Rinder durch seinen Gesang in den Stall, fährt Jahnn fort. 

Nun meine Bitte: Lesen Sie Am laufenden Band, die Aufzeichnungen aus der Fleischfabrik von Joseph Ponthus. Es gibt Menschen auf dieser Welt die noch nie in der Fabrik und im Krieg waren, schreibt der Autor eindringlich, denn er beneidet sie.

Doch wo kann der Mensch seinen Trost finden, wenn nicht in der Musik: Es gibt den Schlusschor in Bachs Matthäuspassion …

Die 3G-Regel

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Der deutsche Buchhandel interpretiert die 3G-Regel folgendermaßen: Wer nicht mindestens ein Gedicht von Goethe, Gomringer oder Gernhardt aufsagen kann, dem bleibt der Eintritt in das Geschäft verwehrt.

In Sachsen wird die Regel allerdings großzügiger ausgelegt: Dort gelten auch die Gaschnitz und die Galego und natürlich darf man auch mit einem Gästner-Gedicht zur Tür reingommen.

Des gebürtigen Dresdners Lyrische Hausapotheke hat der Atrium-Verlag gerade in einer hübschen handlichen Leinen-Ausgabe geliefert. Darin steht der bedenkenswerte Satz: Wer nicht krank wird, darf für trotzig gelten. 

Noch ’ne Verordnung

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Die neue Coronavirus-Einreiseverordnung des Bundes gilt bereits ab Sonntag, dem 1. August.

Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Die Verordnung beinhaltet eine generelle Nachweispflicht für Einreisende unabhängig von der Art des Verkehrsmittels und unabhängig davon, ob ein Voraufenthalt in einem Hochrisiko- bzw. Virusvariantengebiet stattgefunden hat. Personen ab 12 Jahren müssen grundsätzlich bei Einreise über ein negatives Testergebnis, einen Impfnachweis oder einen Genesenennachweis verfügen.

Deutschland ist ein Bundesstaat und so kann jedes Bundesland, auch das von seiner Mauer befreite Berlin, eine Durchführungsverordnung dazu erlassen. Unser Bürgermeister heißt in der Tradition Friedrichs des Großen ganz einfach Müller. Er hat mitgeteilt, dass Einreisende nach Berlin auch dann als genesen gelten, wenn sie ein Eisbein-Essen über sich ergehen lassen. Zum Verzehr darf die Mund-Nasen-Bedeckung entfernt werden. 

Klassisch isst man Eisbein mit Erbspüree, Sauerkraut und viel Senf, heißt es im kleenen Zille-Kochbuch (Bild und Heimat, 9,99 Euro). Wem das nicht schmeckt, der muss in Quarantäne.

Für Veganer besteht übrigens keine Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, wie wir von Attila Hildmann wissen (Vegan for Fit, Becker Joest Volk, vergriffen). 

Kannst du lesen, kannst du rechnen?

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Ein Pixi-Buch ist nicht sehr groß, doch auf seine 24 Seiten passt immer eine lustige oder lehrreiche Geschichte. Pixi-Bücher bieten Leseförderung und Sammelspaß und haben auf dem hinteren Umschlag einen Spiel- oder Basteltipp, präsentiert von Pixi, das bei jedem Wetter draußen ist; auf der Bölschestraße, wo Maskenpflicht besteht, ist sein Mund und seine Nase mit dem roten Tuch mit weißen Punkten bedeckt. In meinem Geschäft bilden die Pixi-Bücher die am meisten verkaufte Buchreihe, seit vielen Jahren gibt es sie für 99 Cent. 

Nun ist das 2500ste Pixi-Buch erschienen! Darin wird ein großes Paket ausgepackt, ich verrate aber nicht, was drin ist. Soviel kann ich sagen: es sind keine Pixi-Bücher drin. 

Könnt ihr mir mal ausrechnen, welche Maße ein Paket haben müsste, in das alle bislang erschienenen 2500 Pixi-Bücher passten? Wenn ich euch sage, dass ein Pixi-Buch 10×10 cm groß ist und 3 mm dick, dann kriegt ihr das sicherlich raus! Für jede richtige Antwort gibt es im Geschäft ein Geschenk. 

Ob wir uns halten können in der Masse

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Wie schwer ein Menschenleben wiegt, so heißt das Buch von Maren Gottschalk über das kurze und doch reiche Leben der Sophie Scholl (Beck, 24 Euro). An diesem Sonntag feiern wir ihren 100. Geburtstag; heute ist die Widerstandskämpferin überall zum Vorbild für junge Frauen geworden (Good Night Stories for Rebel Girls, 100 außergewöhnliche Frauen, Hanser, 24 Euro). Olga Misik, eine 19-jährige Russin, liest der Polizei die Verfassung des Landes vor, die Staatsanwaltschaft will das mit 2 Jahren Gefängnis bestraft sehen; die Demonstrantin sagt, ihr Vorbild sei Sophie Scholl.

An Sophie Scholl, die durchaus nicht selbstsüchtig war, sondern von Selbstzweifeln geplagt den Glauben an das Gute im Menschen suchte, hat mich der weite geistige Horizont beeindruckt, den sie während ihrer kurzen Lebensdauer in sich aufnehmen konnte. Die Gerechtigkeit bedeutete ihr mehr als die Loyalität. Sie war heiter, aber auch verschlossen. Blaise Pascal las sie besonders gern, berichtet ihre Biografin: seine Logik des Herzens war ihr wesentlich.

Ein kleines Selbstportrait habe ich in dem folgenden Wort von Sophie Scholl gefunden: Aber im Grunde kommt es ja nur darauf an, ob wir bestehen, ob wir uns halten können in der Masse, die nach nichts anderem als nach Nutzen trachtet.

Das Leben ist schön und der Mensch ist nicht viel darin

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Meret Becker ist eine tolle Schauspielerin, sie liest vom Blatt: Unser Leben ist soviel schöner geworden! Wir alle sind so empathisch und fürsorglich und geben aufeinander acht, das ist so schön. 

Es ist so schön, in aller Ruhe in der Bölschestraße spazierenzugehen, wo endlich kein geschäftiges Treiben mehr herrscht. Zwischen den Pflastersteinen an der Buchhandlung macht sich der Löwenzahn breit, die Welt ist immer Lebensraum, sagt Emanuele Coccia (Die Wurzeln der Welt, dtv, 10,90 Euro), und der Mensch ist nicht viel darin. 

Der Korsch-Verlag hat gerade seine Kalender-Kollektion für 2022 auf den Markt gebracht, die Meerblicke (5,95 Euro) mit Ansichten von Nord- und Ostsee zeigen menschenleere Landschaften, einzelne Strandkörbe stehen verlassen da. Was sind das für Zeiten, wo eine Reise ans Meer fast ein Verbrechen ist.

Dass sich die Tatortdarsteller in ihre Berliner, Hamburger und Münchener Vorortvillen eingeschlossen haben, hat übrigens in Deutschland mehr Todesfälle verhindert, als die Seuche Opfer gekostet hat. Das Statistische Bundesamt teilt mit, dass im Februar und März 2021 deutlich weniger Menschen gestorben sind als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor. Auch die suizidale Neigung der Deutschen ist bislang nicht stärker geworden.

Was schlimm ist: nicht sterben zu können zur rechten Zeit, sondern am Leben bleibend zu verzweifeln. Gegen den Überlebensfrust schreibt die Unternehmerin Sina Trinkwalder an (Im nächsten Leben ist zu spät, Knaur, 10,99 Euro): Der Unterschied zwischen positivem und optimistischem Denken ist die Realität. …

Das Problem ist gegeben, was aber können wir daraus machen?

Eine der letzten Kundinnen riet mir neulich, den Löwenzahn zu jäten. Ich achte ihn aber und lasse ihn wachsen.

Kaffee und Tee und Tiger und Bär

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Heute wird der Künstler, der sich Janosch nennt, runde neunzig Jahre alt! Endlich ist er ein Klassiker, und zwar Klassiker in Gelb, wie der Reclam-Verlag wirbt. In der Universal-Bibliothek ist nämlich für 6,00 Euro die komplette Wondrak-Kolumne erschienen, die er für das ZEITmagazin gestaltet hat. Es ist eine kleine Wundertüte voller Lebensweisheiten:

Herr Janosch, was ist besser, Kaffee oder Tee?

Tee ist gut für das Denken. Aus dem Denken entstanden die entscheidenden Irrtümer der Menschheit. Also Kaffee.

Eine geballte Ladung an Lebenssinn und Unsinn bietet das dicke Buch Ach, so schön ist Panama! Das ist der vom Beltz-Verlag herausgegebene Sammelband mit allen Tiger-und-Bär-Geschichten für 15,95 Euro:

Uns piekt nichts. Ein Tiger ist ein Tiger, und ein Bär ist ein Bär.

Das Gefühl meiner Winzigkeit

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Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland. (Das war vor mehr als 100 Jahren schon ein Thema.) Es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden — Schritt für Schritt vernichten.

Die Autorin dieser Zeilen ist berühmt als Kämpferin für die sozialen Rechte der unterdrückten Menschen. Weniger bekannt ist, wie sehr sie alles Lebendige, in dem wir geborgen sind, bekümmert hat.

Nicht um den Gesang für den Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen, unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, dass ich weinen muss.

Ich lese Rosa Luxemburg, die heute vor 150 Jahren geboren wurde. Als Naturkundlerin begegnet sie uns in ihrem Herbarium. Sie hat Pflanzen gesammelt, wo sie ging und stand, in der Freiheit wie im Gefängnis, und damit insgesamt 16 Schulhefte gefüllt, deren Inhalt vom Karl-Dietz-Verlag kürzlich komplett veröffentlicht worden ist.

Aus dem Gefängnis schrieb sie einmal an Luise Kautsky:

Ich besuche jeden Tag ein rotes Marienkäferlein mit zwei schwarzen Punkten auf dem Rücken, und — fühle mich im ganzen nicht wichtiger als dieses Marienkäferlein und in diesem Gefühl meiner Winzigkeit unaussprechlich glücklich.