Aus der Geschichte

Von , am in angesagt

Zwölf Jahre lang, von April 2013 bis März 2025, stand das Logo „leselieber“ in roter Farbe auf der Fassade des Hauses Bölschestraße 79 und sorgte für Aufsehen. Die Buchhandlung war ein Anziehungspunkt nicht nur für Leute aus der Nachbarschaft, sondern vor allem aus ganz Berlin, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Sie zehrte von der und steigerte zugleich die Attraktivität der Bölschestraße als bunter Einkaufsstraße, die den Bedarf an Entschleunigung befriedigte.

Das ist vorbei. In der Zeit, in der ich der Mieter des Hauses Nummer 79 war, wechselten die Betreiber des Nachbargeschäftes viermal.

Zuerst befand sich ein Herrenmodeladen in dem Haus Nummer 78; man bekam mit, dass männliche Konsumenten hauptsächlich sich im Internet tummelten und also gerne online einkauften. Das Buchgeschäft profitierte hingegen immer schon von der Leselust der Frauen.

So erwies es sich als günstig, dass ein elegantes Damenmodegeschäft einzog. Die Kundinnen, die sich dort mit einem modischen Outfit eindeckten, griffen hier gerne zu einem Roman von Anne Tyler oder Zeruya Shalev oder Elizabeth Strout.

Nach ein paar Jahren schloss auch dieses Geschäft. Ein Wein- und Spirituosenhandel zog ein, der sich allerdings keinen guten Ruf erarbeiten konnte.

Zuletzt richtete sich mit großem Aufwand eine Filiale der erstklassigen und daher hochpreisigen Feinkosthandlung „Vom Einfachen das Gute“ ein. In einer Zeit hoher Inflation, da die Konsumenten beim Lebensmittelkauf verstärkt auf die Preise achteten, war das keine gute Idee. Nach wenigen Monaten ist schon wieder Schluss. Auch Nahrungsmittel würden mehr und mehr online geordert, berichtet heute der Deutschlandfunk, und die Bequemlichkeit sei ein Grund dafür.

Nun träumte mir, dass ich in der Bölschestraße 78 noch einmal ein großes Buchgeschäft aufziehen würde. Meine Kreativität ist da. Realistisch muss ich aber erkennen, dass meine Körperkraft bald nicht mehr hinreichen wird, um fünfzig Stunden pro Woche ein Geschäft zu betreiben. Und wie ich wird auch die Stammkundschaft immer älter und die jüngeren Leute kaufen, sofern sie überhaupt noch ein Buch erwerben wollen, bevorzugt online ein. Alles soll sofort verfügbar sein. Beschleunigung ist die Signatur dieser Zeit.

Die Bölschestraße wird zunehmend zur Einkaufsstraße für die Älteren, die sich nicht mehr beeilen müssen. Mit gesunden Lebensmitteln, Medikamenten und Hörgeräten, Prothesen und Rollatoren kann man noch erfolgreiche Geschäfte betreiben. Die längste Menschenschlange steht übrigens vor der kleinen, privat betriebenen Post; dort drängeln sich die Leute, um Pakete aus Online-Bestellungen abzuholen, um sie ein paar Tage später wieder zurückzuschicken. Nicht alles, was die Konsumwelt im Internet zeigt, gefällt.