Die Panik der Kreatur

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Es gibt Bücher, die laufen irgendwie unter dem Radar. Nicht großartig beworben, nicht vom Verlag gehypt, von der Kritik weitestgehend unbemerkt, unbesprochen, stehen sie still, unaufdringlich und bescheiden zwischen hundert anderen im Regal in der Buchhandlung und harren derer, die sie beim ziellosen Stöbern bemerken mögen, einem Impuls folgend mitnehmen und dann für immer lieben.

Einzelgänger Männlich ist ein solches Buch.

Bereits 1939 erstmals veröffentlicht und in der Folge immer mal wieder aufgelegt, ist mir seine Existenz bis zum Jahr 2018 verborgen geblieben, als ich es erstmals in die Hand nahm, angezogen, fasziniert von dem Kopf eines Mannes mit schreckgeweiteten Augen und angstvollem Blick, gemalt im Stil alter Filmplakate oder reißerischer Groschenromane, der den Umschlag des Buches ziert.

Seitdem geht dieses von mir erworbene, am Stück verschlungene – inzwischen sicher schon vollkommen zerlesene – Exemplar von Hand zu Hand, weil jeder, der es mit angehaltenem Atem an einem Abend durchgelesen hatte, es mit einem Ausruf der Begeisterung an einen Freund oder eine Freundin weitergegeben hat. (mehr …)

Die Träume der anderen

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In diesem Roman gibt es einen Felix; der ist aber kein glücklicher Mann, vielmehr quält er mit seiner unerforschlichen Schwermut seine Mitmenschen und verfällt zusehends dem Alkohol. Ich fürchte, ich könnte so sein wie dieser.

Jedoch zittere ich, träume zuweilen und leide vor allem mit der jungen Clare, meinem Lebensmenschen in diesem Roman. Sie ist diejenige, die bereit zu sein scheint, sich aller Bürden des Alltags zu entledigen, um ihre Freiheit als Frau zu erlangen. Sie beobachtet die Welt und staunt, wie die Menschen darin überleben können. Welche Monstrosität: das Gewusel auf den Straßen, das sich unwillkürlich ergibt, da sich jede und jeder um sein eigenes Fortkommens sorgt. (mehr …)

Ein erstaunlicher Debütroman

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Ich habe zu diesem Buch gegriffen, weil mich die Biografie der Autorin angesprochen hat: Delia Owens ist eine Zoologin, welche über zwanzig Jahre lang in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen erforschte; man merkt es dem Buch an.

Es handelt sich nun um ihren ersten Roman. Ich habe zuerst darin geblättert und mich von den Gedichten der mir bis dahin unbekannten Amanda Hamilton fesseln lassen. Denk ja nicht, Gedichte wären bloß was für Memmen. Klar, es gibt kitschige Liebesgedichte, aber es gibt auch lustige, viele über die Natur oder sogar den Krieg. Worauf es ankommt, ist, dass du durch sie etwas fühlst, heißt es an einer Stelle des Buches. (mehr …)

Wo wir noch reden wie die Nazis

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Es gibt in diesem Land leider Leute, die sich bewusst der Sprachmelodien bedienen, mit welchen die Nationalsozialisten ihren Feldzug gegen als undeutsch ausgegrenzte und ausgeschaltete Menschengruppen orchestrierten.

Feldzug ist aber auch ein von der NS-Propaganda eingeführter Begriff: Es ist wahrhaftiger, von Angriff, Krieg oder Überfall zu sprechen, rät der Autor des vorliegenden Buches. Matthias Heine will hier nicht Sprachpolizei spielen, sondern uns als Sprachforscher mit der Herkunft von Phrasen bekannt machen, die möglicherweise aus dem Wortschatz der NS-Zeit stammen. (mehr …)

Ein Dandy im Hause Österreich

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Der Februar ist der Bernhardmonat, 1931 in diesem Monat wurde der österreichische Dichter, der seine Abkunft mit vielerlei Legenden versah, geboren, vor dreißig Jahren starb er, gerade 58 Jahre alt.

Nun ein Bilderbuch über seine Häuser, deren Räume und Einrichtungen und wie er sich darin inszenierte: Schauen Sie selbst, es liegt im leselieber-Laden aus! Alleine der Essay von Barbara Vinken macht es lesens- und besitzenswert: Das Skandalon Bernhards liegt darin, dass er das Reich nicht konstruktiv kritisiert oder zu reformieren sucht, sondern es als vollendeter Blender und Dandy überbietet und erfüllt: das österreichische Römertum, das imperiale Österreich übertrieben herausbringt, schreibt die Modetheoretikerin und Literaturwissenschaftlerin.

Alle Oberflächlichkeit, die man an Bernhard kritisieren mag, zeugt doch von der ihr zugrundeliegenden Verzweiflung; mit Spott über das zeitgenössiche Österreich verkleidete der Dichter seine Liebe.

Wie wir leben

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Das Leben erweist sich als intensiv in den Verwerfungen, auch im Misslingen, in dem, was auseinanderbricht und womöglich unheilbar bleibt.

Elizabeth Strout entfaltet ein Abbild der Menschlichkeit voller Trauer und Schmerz. Fäden der Treulosigkeit und des Verrats durchzogen alles, und Nächte und Tage gingen damit hin, Trost zu spenden und Trost zu empfangen. (mehr …)

Die Poesie des Augenblicks

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Es gilt, ein wundersames Bilderbuch anzuzeigen, das seinen Reiz im Zusammenhang, auch Kontrast der darin enthaltenen Sekundenprosa zu den Abbildungen entfaltet.

Monika Maslowskas Tuschezeichnungen sind bezaubernd! Heute ist meine Heldin die Königin Ida mit der unsichtbaren Krone auf Seite 15! Morgen denke ich an Lilli von Seite 29, welche die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte.

Jeden Tag schlage ich ein neues Bild auf und erfreue mich am Hintersinn der Erfindungen, die dieses Büchlein enthält!

Eine kleine große Geschichte

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Es geht um das Leben einer Frau. Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie sich wie eine wachsame, ständig angespannte Erwachsene im Körper eines kleinen Mädchens gefühlt — während es ihr paradoxerweise jetzt gelegentlich so vorkam, als würde hinter ihrem Erwachsenengesicht ein etwa elfjähriges Kind auf die Welt hinausblicken, heißt es von der sechzigjährigen Willa Drake.

Es gibt keine Linearität im Leben, jederzeit kann sich ein Abgrund auftun, jederzeit auch kann ein Aufbruch gelingen. Kleine Episoden, witzige Dialogen und eine skurille Beobachtungsgabe zeichnen Ann Tyler und ihre Heldin aus. Ein wundervolle Heldin, ein Herzensbuch: groß in seinen Einzelheiten, bedeutungsvoll und doch bescheiden.

Die Poesie des Alltags

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Hier ist das schönste Buch der Welt, es liegt unscheinbar in meiner Nähe, ich habe es nie jemandem angepriesen und schon unzählige Male verkauft.

Es ist die Beiläufigkeit der von Ron Padgett erschaffenen Sätze, die diesen Lyrikband so bemerkenswert macht. Padgett ist der Poet der alltäglichen Dinge, die alles Mögliche bedeuten können.

Für mich ist so ein Buch ein alltägliches Ding. Als wäre es für mich gemacht, ist es doch auch für dich da, und für dich und dich und dich …