Der Traum und das Leben

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BdN_Nerval_Aurelia_Cover_2D_web-26a453f5Gérard de Nerval ist im deutschen Sprachraum nahezu vergessen, obwohl er doch ein großer Kenner der deutschen Literatur war. In der „Bibliothek der Nacht“ liegt nun sein „Le Rêve et la Vie“ (1855) vor, Jahrzehnte vor Freuds und Kafkas Werken entstanden, eine tiefgründige Analyse menschlicher Identität:

„In jedem Menschen gibt es einen Beobachter und einen Handelnden, den der spricht und den der erwidert. Beide durch stoffliche Wahlverwandtschaft an den gleichen Leib gebunden, ist der eine vielleicht für den Ruhm und das Glück bestimmt und der andere zur Vernichtung oder zu ewigem Leiden.“

Vielleicht: ein schönes Wort, aber auch ein grausames …

Wir ahnen unsere Bestimmung, aber wir wissen nicht, ob wir selbst sie erfüllen können oder ob es der andere für uns tut.

Durch das Leben suchend wandern

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u1_978-3-596-90375-7.433806Orlando“ ist der längste Liebesbrief von einer Frau an ihre Geliebte. Es ist die Schriftstellerin Victoria Sackville-West, der Virginia Woolf mit dieser „Biographie“, die den Helden vom 16. Jahrhundert bis über seine Verwandlung zur Frau ins 20. Jahrhundert begleitet, ihre große Bewunderung zeigt, und diese zu einem unvergänglichen literarischen Werk werden lässt. (mehr …)

Am 16. Juni ist Bloomsday

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45816Der Tag, an dem im Jahre 1904 Leopold Bloom durch Dublin geht und diese Stadt erlebt. Im „Ulysses“. Von Joyce.

„Waaas? Dieses Buch spielt an EINEM Tag?? Das ist ja so dick!“ so fragt mein Sohn.

Ja, 1014 ½ Seiten liegen einem hier vor – Dünndruck. In früheren Ausgaben sind es fast 1600.

„Wie ist das möglich? Ist das nicht langweilig?“ (mehr …)

Ohne Bücher geht es nicht

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Jean_Paul_Sartre_Die_Woerter„So hat es mit mir angefangen“, heißt es in diesem Buch, das mich vielleicht am tiefsten geprägt hat: „Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern. […] Ich blieb allein, entschlüpfte dem banalen Friedhof und kehrte zurück zum Leben, zum Wahnsinn in den Büchern.“  (mehr …)

Die Seele, unsere Substanz

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alles_was_wir_geben_musstenKazuo Ishiguro beschreibt in diesem Roman eine mögliche Zukunft. Er führt uns in eine Welt, in der es zwei menschliche Existenzen gibt, die sich ausschließlich in ihrem Schicksal unterscheiden. Ganz leise führt uns die Protagonistin Kathy H. durch die Geschichte, wenn sie im Jetzt ihres 31. Lebensjahrs eintaucht in Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend: „Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. […] Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. […] Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten – Tommy, Ruth, ich, wir alle.“ (mehr …)

Selbstbewusstsein auf der Guillotine

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978-3-596-18114-8„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Der einleitende Satz des Romans „Der Proceß“ aus dem Nachlass Franz Kafkas klingt zwar wie ein Schuldeingeständnis, der Bankbeamte Josef K. jedoch hält sich für unschuldig und so tritt er den zwei Gerichtsboten, die an diesem Morgen seines dreißigsten Geburtstags in seinem Zimmer erscheinen, um ihn zu verhaften, mit gehörigem Unverständnis entgegen. „Das Verfahren ist nun mal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren.“  (mehr …)

Fürchterliche Selbstbeobachtung

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38007Unsere Existenz ist trivial, mal leiden wir daran, mal lachen wir darüber. Wir Bernhardleser halten unsere Existenz aus, indem wir lesend davon existieren, dass nichts auf dem Spiel steht als unsere Existenz. Dass wir alle „nämlich weiterexistieren wollen, weil wir ganz einfach weiterexistieren müssen“, spricht mit Bernhard aber nur die Person aus, die nicht „einfach weiterexistieren“ kann, weil sie sich in der „fürchterlichen Selbstbeobachtung“ als Gescheiterte wahrnehmen muss. (mehr …)