Lesen hält wach

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In Ozeanien heißt die vorherrschende Philosophie Engsoz, in Eurasien heißt sie Neo-Bolschewismus, und in Ostasien trägt sie einen chinesischen Namen, der gewöhnlich mit Todes-Kult übersetzt wird, sich aber vielleicht treffender als „Auslöschung des Ich“ wiedergeben ließe. Der Bürger Ozeaniens darf nichts von den Leitsätzen der beiden anderen Philosophien wissen, sondern man lehrt ihn, sie als barbarischen Frevel an der Moral und dem gesunden Menschenverstand zu verabscheuen. In Wahrheit unterscheiden sich die drei Philosophien kaum, und die Gesellschaftssysteme, die von ihnen gestützt werden, unterscheiden sich überhaupt nicht. 

Das sind Sätze aus einem Ullstein-Taschenbuch, das immer in meiner Buchhandlung liegt, immer wieder gekauft und hoffentlich dann auch wirklich gelesen wird.

Es handelt sich um „1984“ von George Orwell, der heute vor 117 Jahren geboren wurde. Er schrieb diesen Roman 1948, also 36 Jahre vor dem Jahr, in dem seine Geschichte stattfindet. Nun sind weitere 36 Jahre vergangen und das Buch handelt immer noch und wieder von der Gegenwart.

Der Briefschreiber Marcel Reich-Ranicki

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Heute wäre Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt geworden, und aus diesem Anlass brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vorgestern ein paar bislang unveröffentlichte Briefe an Schriftsteller, die das Temperament des Chefkritikers der deutschsprachigen Literatur zu spüren bekommen haben. Thomas Anz, der Reich-Ranickis Nachlass verwaltet, lässt anklingen, dass die noch ausstehenden Editionen seiner Briefwechsel etwa mit Günter Grass und Martin Walser mehrere Bände füllen könnten.

Auch ich besitze einen Brief von Marcel Reich-Ranicki! Mein gesamter Briefwechsel mit ihm umfasst allerdings nur wenige Zeilen, welche die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor mehr als sieben Jahren abgedruckt hat: Sie können auf diesen Seiten meinen Beitrag dazu lesen!

„Auf Goethe sollten Sie natürlich nicht verzichten“, riet mir Reich-Ranicki also, und so habe ich immer den West-östlichen Divan im Laden stehen, aus dem ich gerne (ausnahmsweise ohne Mundschutz) rezitiere:

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: / Die Luft einziehn, sich ihrer entladen; / Jenes bedrängt, dieses erfrischt; / So wunderbar ist das Leben gemischt.

Ein Geisterspiel

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Liebe Kinder, gebt gut 8, was der Buchhändler euch sacht: heute Nachmittag halb4, schauen in das Buch hier wir, welches Antje Kunstmann brachte, weil es Nadia Budde machte:

Daraus, blaugelbrot maskiert, eine Geister11 anstiert uns und seufzt mit schrägen Stimmen und lässt ihre Augen glimmen. 

Gemalt mit breitem Pinselstrich ist es und tut reimen sich: Wenn am Ende nicht die Bayern sich als Geistermeister feiern, stimmt das Buch uns froh und heiter. Gern empfehlen wir es weiter.

We will meat again

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Ich gehe gar nicht raus, wissen Se, in meinem Alter ist man Risiko. Jetzt nervt also auch noch die olle Renate Bergmann mit ihren Durchhalteparolen: Auch in der schweren Zeit nach dem Krieg konnten wir nicht sagen:  „Ich gehe mal schnell los und hole Rindsfilet“, sondern man musste gucken, was man dahatte und daraus was zaubern.

Also mir ist dieses neue Buch der Online-Omi viel zu staatstragend, da ziehe ich mir lieber nochmal die letzten Ansprachen von Queen Elizabeth rein …

Ich lasse mich doch von einer Spandauer Rentnerin nicht bevormunden! I will meat again, also beef will ich und go to the Wirtshaus um die Ecke (Rolandseck calls it in Friedrichshagen), sobald es wieder aufmachen darf.

Und wenn ich nun doch ein Buch empfehlen soll, dann nehmen Sie irgendeines von Elizabeth, von der ist nämlich jedes ein tolles! Ich rede von Elizabeth Strout, bei der es deftig zur Sache geht, die aber auch herzzerreißende Szenen hervorzuzaubern versteht. Ich bin gerade bei Amy & Isabelle, da kommt eine liebenswerte Figur vor, die immer nur fett genannt wird und über ihre Verdauuung spricht. Und da gibt es die Episode, als Isabelle, die nichts richtig auf die Reihe kriegt, sich vor Scham verkriechen möchte, als sie in einer Buchhandlung nach Yeats fragt und ihn wie Keats ausspricht.

If yo meet me at the bookstore, dann zeige ich Ihnen also gerne alle Bücher der Strout. Falls Sie aber ein Buch der Bergmann erwerben wollen, ist es mir auch Wurst. Hauptsache: Cash kommt in die Kasse.

Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche

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Die Buchbranche behauptet, dass heute der Todestag des Theaterdichters Shakespeare sei, und feiert aus diesem Anlass den Welttag des Buches.

Für mich ist das die Gelegenheit, Sie auf ein besonderes Naturschauspiel hinzuweisen, welches, wie David Rothenberg in seinem gerade bei Rowohlt erschienenen Buch bemerkt, so nur in unserer Stadt wahrzunehmen ist: Wir leben in der Hauptstadt der Nachtigallen!

Hören Sie wohl!

Aus Jeff Bezos‘ Garage

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Im Deutschlandfunk hörte ich heute früh, dass in Deutschland die Ansteckungsrate mit dem Coronavirus weiter gesunken sei: Laut Statistik des Robert Koch-Instituts steckt jeder Infizierte nunmehr weniger als einen weiteren Menschen an, nämlich nur etwa 0,7 Menschen. Ob eher der Kopf oder der Rumpf der Ansteckung entgehen kann, wurde nicht dazu gesagt. Über so etwas kann ich lachen.

Der Deutschlandfunk berichtete auch, dass in den letzten Wochen die deutschen Privathaushalte 20 % mehr Müll produziert haben als in einem Vergleichszeitraum davor. Aus meiner eigenen Anschauung kann ich dazu sagen: Das Fahrzeug des Deutschen Paketdienstes, eines vertrauenswürdigen und zuverlässigen Unternehmens, erreicht neuerdings erst nach 14 Uhr die Buchhandlung. Vor der sogenannten Krise war das um 12 Uhr der Fall. Niko, der Paketfahrer, ein immer gut aussehender und angenehm riechender Mann (meine Mitarbeiterin kann es bezeugen), Niko also sagt, er habe so viele Pakete an Privathaushalte auszuliefern wie nie zuvor. Von einer Konsumkrise kann also nicht die Rede sein, die Verpackungsmüllberge zeigen es.

Neulich abends hielt ein Privatfahrzeug aus dem Landkreis OPR vor der Buchhandlung an. Es gab offenbar keine Grenzkontrollen zwischen den Ländern Brandenburg und Berlin. Der Fahrer stieg mit 3 Paketen aus und hatte große Schwierigkeiten, diese an 3 Friedrichshagener Adressen zu verteilen, da er sich hier nicht besonders gut auskannte. Es war leicht zu erkennen, dass er diese Pakete aus Jeff Bezos‘ Garage abgeholt hatte.

Man weiß ja, dass Jeff Bezos Privatleute angeheuert hat, die sich etwas dazuverdienen wollen, um das Zeug aus seiner Garage unter die Leute zu bringen. Interessant wäre es nun zu erfahren, wieso in einer Situation, in der die private Bewegungsfreiheit so weit eingeschränkt ist, dass ein Berliner sein eigenes Grundstück außerhalb der Stadt nicht betreten darf, derlei Privatverkehr im Auftrag von Jeff Bezos stattfinden kann.

Meine These: Offensichtlich ist Jeff Bezos‘ Unternehmen dem technokratischen Regime nicht unterworfen, dessen Regeln wir zu befolgen haben, sondern es gehört diesem technokratischen Regime an.

Verbraucht sind die Vorratsgefühle

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Ich nehme den frischen Gedichtband von Alexandru Bulucz (was Petersilie über die Seele weiß) in die Hand und entferne den Schutzumschlag und berühre einen wunderbar blauen Leinenband. Als ich den Umschlag wieder dem Buch anlegen möchte, fällt mir auf, dass seine Innenseite bedruckt ist, aber nicht mit Reklame – oder vielleicht ist es doch Reklame: da steht in ebenfalls blauer Schrift ein SACHREGISTER und ein NAMENREGISTER, letzterem entnehme ich, dass Rainer Maria Rilke zitiert wird, und nun blättere ich den Band durch und finde, dass das Motto eines Gedichtes (es steht, da muss ich an Amy Winehouse denken, auf Seite 27) von dem verehrten Dichter aus Prag stammt, und es bestürzt mich sein Satz:

nirgends mehr ist das Maaß des einzelnen Herzens anzulegen, das doch sonst die Einheit war der Erde und des Himmels und aller Weiten und Abgründe.

Das Echo darauf in Bulucz‘ Gedicht lautet: Inmitten von Eden stand keinem der Sinn, nach dem Vorrat an Wonne zu fragen.

Und das bittere Ende: Verbraucht sind die Vorratsgefühle, das Brombeergelee in den Gläsern von Mutter! Verrat an der Süße!

Es ist die Passionszeit, in der mich diese Zeilen treffen, bemerke ich.

Nicht nur Nachbarschaftshilfe

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Thalia ist die Muse des Entertainments. Folglich trägt eine Kette von Läden, die neben Filmen, Spielwaren, Haushaltsartikeln und Schreibwaren auch Bücher anbieten, diesen Namen als Markenzeichen. Meine Nachbarin Frau C. ist nicht besonders glücklich, wenn sie eine Thalia-Geschenkkarte zum Geburtstag bekommt, denn die wirklich lesenswerten Bücher findet sie dort nie.

Die wichtigen und richtigen Bücher sind hier! Daher mache ich allen Kunden, wie ich es mit meiner Nachbarin bereits eingeübt habe, das Angebot: Der Wert der Thalia-Geschenkkarte kann mit Ihrem Einkauf in meiner Buchhandlung verrechnet werden!

Die Einlösung dieser Geschenkkarte ist bei mir allerdings nur möglich, wenn der gewünschte Artikel vorrätig ist. Der leselieber-Gutschein, den Sie hier erwerben können, gilt hingegen für alle lieferbaren Bücher, Hörbücher und Kalender, Versandkosten fallen für Sie nicht an!

Und die Zeit stand still

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Das ist traurig: Die letzten Kulturstätten, die noch geöffnet haben, sind die Friedhöfe. Keine Stadt weit und breit sei so reich gesegnet mit Friedhöfen wie Berlin, heißt es in Brauchitschs Friedhofsführer.

Am Sonntag ging ich vom Bahnhof Friedrichstraße zum Dorotheenstädtischen Friedhof. Ich war alleine.

Ich ging also auf diesem Friedhof der Künstler, Theaterleute und Literaten spazieren und stieß auf ein frisches Grab, ein Grab ohne Stein zwar – eine Stele aus Holz nur: Christoph Meckel *12.6.1935 +29.1.2020

In der Buchhandlung liegt das letzte Werk des Dichters (Kein Anfang und kein Ende. Zwei Poeme). Ich schlage es auf und die Poesie ergreift mich:
Die Steine lagen still
und die Zeit stand still
in den Steinen.

Was bleibt, steht in den Büchern.

Jetze jede Postkarte nur eenszwanzich

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Seit Montag hängt beim benachbarten Friseur an der Tür ein Zettel, der darauf hinweist, dass der Laden AUF ANORDNUNG DER BUNDESREGIERUNG geschlossen worden sei. Wer schneidet Frau Merkel nun die Haare?

Wir leben in einer Hochzeit der Zettelwirtschaft! NOTES OF BERLIN ist seit mehreren Jahren eine Hommage an all die Notizen, die Berlin tagtäglich im Stadtbild hinterlässt. Jeder kann mitmachen und seine eigenen Fundstücke einreichen; jedes Jahr entsteht daraus ein Abreißkalender, eine Auslese finden Sie jetzt auch in einem Buch bei mir.

Heute nun kam der Verleger Oliver Seltmann mit Neuigkeiten an: Die NOTES gibt es jetzt auch als Postkarten! Die 58 Motive zeigen lustige, unterhaltsame, kreative und auch verrückte Notizen aus dem Berliner Straßenalltag. Die echten Fundstücke erzählen von Liebe, Diebstahl, Nachbarschaftsstreitigkeiten und allerlei Kuriositäten. Eine Hommage an das echte Berlin – zum Verschicken, Verschenken oder selbst Behalten.