Die Stille

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Die Fabeln von Günther Anders (Der Blick vom Turm, C. H. Beck, 18 Euro) bilden Konstellationen, deren Wahrheit aus dem Hintergrund aufscheint.

DIE STILLE 

„Ist das wahr?“ rief das Kind, als die Mutter das Radio endlich abgeschaltet hatte und im Begriff stand, das Kinderzimmer zu verlassen.

„Was?“

„Dass ihr kein Radio gehabt habt als du klein warst?“

„Natürlich nicht.“

„Und wie Stille hergestellt wird, das habt ihr überhaupt nicht gewusst?“ 

Die Stille zu würdigen bedeutete dem modernen Menschen, der Welt zu entsagen. Sich in der Welt zu befinden, ohne die Stille als solche bewusst sich zu machen: das gibt es nicht mehr.

Es gilt, den Betrieb abzuschalten, um die Stille hereinzulassen. 

Wir können alles außer Südbadisch

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Wenn aus Stuttgart eine Bestellung kommt, dann liefere ich gerne! Nicht nur die in Schwaben Sesshaften, also zum Beispiel der Herr, der dort heute den Bauernkalender auspacken durfte, können sich der Dienstleistung erfreuen, dass ich ihnen Bücher ohne Versandkostenzuschlag liefere: Dies gilt für ganz Deutschland. Eine Ausnahme muss ich, der ich selber aus Schwaben stamme, aber machen: Südbaden betrachte ich als abtrünnig, wer von dort eine Bestellung aufgibt, muss also mit Sanktionen rechnen! 

Niemand hat die Absicht, den Reichstag umzubauen

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Der deutsche Finanzminister hat diese Woche im Bundestag eine skandalöse Äußerung getan: „Aufgrund von finanziellen Sorgen wird in diesem Land in diesem Winter niemand frieren und niemand hungern.“

Niemand — dieses Wort markiert die Abwesenden: Solche Menschen, die, weil sie über kein Geld verfügen, außerhalb der Gesellschaft leben und daher die Umstände schonungsloser erleben als die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Seit jeher nehmen sie die Kälte wahr als das, was sie ist. Viele von ihnen werden den kommenden Winter nicht überleben.

Kaum ein Buch ist mir wichtiger als das ethnofiktionale Dokument des Franzosen Marc Augé, seit der Eröffnung der Buchhandlung ist das Tagebuch eines Obdachlosen (Beck, 10,95 Euro) immer in meinem Sortiment. Darin heißt es: „Da ich niemand mehr bin, spüre ich zweifellos intensiver als Leute, die besser gestellt und tiefer in der Stadt verwurzelt sind, die absolute Zufälligkeit meiner Anwesenheit in der Stadt — und fast hätte ich gesagt: auf Erden, aber das wäre allzu metaphysisch …“

Die Obdachlosen sind der Skandal in unserer Wohlstandswelt. Sie ähneln den Krähen, die unsere Straßen bevölkern, und den Waschbären, die unsere Gärten unsicher machen. Sie sind uns Sesshaften unheimlich, aber in Wirklichkeit keine Gefahr für uns. Vielmehr sind sie die gefährdetsten Menschen überhaupt.

Wenn der Winter hart wird, kann man ja das Reichstagsgebäude zur Wärmestube umbauen. Dann wird in dieser Stadt wirklich niemand frieren und niemand hungern müssen. 

Die Lebendigkeit anderer

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Gelesen wird aus „Die Hauptadresse der Wirklichkeit“ (PalmArtPress, 24 Euro). Raimund Petschners Miniaturen handeln vom Zwischenmenschlichen, er beobachtet Lebensäußerungen verschiedener Menschen und setzt sich in Beziehung zu ihnen: 

die eigene Erfahrung als flimmerndes, fragiles Gebilde zwischen Gegebenheit und Möglichkeit artikulieren und dem anbieten, der zu lesen, zu hören Interesse hat; und umgekehrt eine Neugier auf das Leben und die Lebendigkeit anderer — auch anders Gearteter — haben: das wäre Demokratie in ihrem Lebenskern. 

Aus der Lesung entspinnt sich ein Gespräch. Eine teilnehmende Zuhörerin fragt: Wie soll ich mit diesem Buch, in dem jede einzelne Betrachtung andauernd zum Nachdenken und Nachsinnen anregt, je fertig werden? 

Der Autor vermutet: Sie legen es auf den Nachttisch und lassen sich begleiten von ihm durch Wochen und Monate, durch Jahreszeiten, vielleicht durch ein ganzes Jahr! 

Vom Unternehmen und Übergeben

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Es mangelt nicht an der Schönheit auf dieser Welt, denke ich, wenn ich hier auf der Bölschestraße den Gesang der Vögel wahrnehme und ab und zu den Flügelschlag eines Schmetterlings. 

Für Lärm und Gezeter hingegen sind wir Menschen zuständig. 

Die Ladentür ist offen und ich höre, wie ein Radfahrer lautstark den motorisierten Lieferverkehr beschimpft, der ihn in seinem Fortkommen behindert. Jetzt kommt eine Frau herein und bezahlt ihren Kalender. Anstatt sich freundlich zu verabschieden, sagt sie zu mir, ihr werde regelmäßig schlecht, wenn sie an meiner Buchhandlung vorbeigehe. Unter Verwünschungen verjage ich diese Kundin, die sich ja ein Geschäft hätte aussuchen können, von dem sie sich nicht belästigt fühlt; ich möchte nicht, dass sich jemand in meinem Laden übergeben muss. 

Kein Deutsch sei das, was sie auf der Fassade des Buchhauses lese, motzt die Dame. Meine Erklärung, dass es sich bei leselieber um eine Wortmarke handelt, die eben deshalb nicht im Duden auftaucht, kommt bei ihr nicht an. Zum Glück sind die Menschen doch verschieden: Diejenigen, die einen wachen Sinn für Wortspiele haben und also der Poesie zugänglich sind, erfreuen sich des Namens meiner Buchhandlung:  (mehr …)

Heda! Hier kommen die Kalender!!

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Der vom Dudenverlag herausgegebene Kalender Vergessene Wortschätze widmet sich auf einem Blatt pro Tag einem Wort, das aus dem Duden bereits gestrichen ist oder womöglich bald von der Streichung betroffen sein wird.

Am heutigen Tag geht es um das Verb ausbaldowern. Es stammt aus dem Rotwelschen: der Baldower ist wortwörtlich der Herr der Sachen.

In dem Buchgeschäft bin ich der Herr, nämlich derjenige, der Nachforschungen anstellt und die Sachlage schon einmal ausspäht: Die ersten Kalender für das Jahr 2023 sind eingetroffen, der erwähnte Dudenkalender ist schon dabei! Damit ich die kommenden Kalenderlieferungen klug und vorausschauend disponieren kann, bin ich auf Ihre Unterstützung angewiesen. Bitte teilen Sie mir so früh wie möglich Ihre Wünsche mit, damit ich diese gegen Ende des Jahres erfüllen kann: Vom Erdmännchen-Planer bis zu den Gewölben des Himmels ist alles drin.

Großformatige Wandkalender kann ich jederzeit zur Abholung rerservieren, kleinere Formate verschicke ich auch portofrei zu Ihnen nach Hause (innerhalb Deutschlands und nicht an Packstationen). 

In Ruhe lesen

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20 von den berühmten 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr gehen für die Digitalisierung der Streitkräfte drauf, da wäre es doch ein Klacks dagegen, jeden wehrtüchtigen Menschen mit einem dtv-Bändchen auszustatten: das Handbüchlein der Moral von Epiktet gehörte in jeden Tornister, wenn der Buchhändler etwas zu sagen hätte!

Für 7 Euro bekommt man eine Handreichung, sich gegen den Meinungskampf unserer Tage zu rüsten.

Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen, heißt es darin: Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen oder beunruhigt oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen.

Aufs Smartphone starrend wird der Soldat seinen Einsatz versemmeln. Die Lektüre des Epiktet erlaubt ihm hingegen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ich werde dem Beschaffungsamt der Bundeswehr die Anschaffung des Büchleins vorschlagen, um etwas von dem 100-Milliarden-Kuchen abbekommen zu können. 

Flanke, Kopfball, Tor

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Mein Tag beginnt mit den Deutschlandfunk-Informationen am Morgen, die sind inzwischen eine Dauerwerbesendung für die NATO geworden: Als gute Nachricht hat dort also heute gegolten, dass mit einer Stärkung der Nord- und der Ostflanke zu rechnen sei. 

Da kam mir der Gedanke an den 1. FC Union Berlin, der fortan die Nummer 1 im Nordosten ist und also gut gerüstet für den europäischen Fußballwettberb mit den schwedischen und finnischen Spitzenklubs. In dem Bändchen, das Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten über den Köpenicker Verein verzeichnet (Klartext, 14,95 Euro), erklärt Matthias Koch: Union gehörte in der DDR nicht zu den Spitzenklubs, die regelmäßig international spielten. Daher gab es keine Befreiung von der Einberufung von Spielern zum achtzehnmonatigen „Ehrendienst“ bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Davon war Union im Zeitraum zwischen 1984 und 1988 von allen Oberliga-Vereinen am stärksten betroffen. Da lag also eine Wettbewerbsverzerrung vor. 

Heute kicken in der Bundesliga Spieler aus aller Herren Ländern, also bedeutet der kapitalistische Fußballbetrieb samt seiner internationalen Fan-Szenerien immerhin die Hoffnung, dass sich junge Männer nicht mehr mit ideologischen schweren Waffen aufeinander hetzen lassen. 

Wo ringsum alles stürzt

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Es ist ein zeitloses Buch und tritt in die Gegenwart ein. Seit heute gibt es die Aufzeichnungen Peter Handkes aus den Jahren 2016 bis 2021 zu lesen (Innere Dialoge an den Rändern, Jung und Jung, 26 Euro). 

Darin der Satz: 

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt: wo bleibt der Gott, zu sagen, wie er leidet? 

Und dann die Lektüre Wilhelm Genazinos: 

Christ sein müsste aus der Überfülle des ungefährdeten Lebens kommen … nicht aus Not.

So sprechen die Bücher miteinander. Die Schlussätze der Blätter aus dem Brotsack von Max Frisch (Atlantis, 22 Euro), die mich jüngst am tiefsten beeindruckt haben, lauten nämlich: 

Nur wer Glaube trägt, wird sich noch freuen, wenn Gläubigkeiten zerschellen, und auch das Grauen segnen, das er glaubt, glauben muss. Gott sind wir noch am nächsten, wo ringsum alles stürzt, wo uns seine Ferne entsetzt. 

Wir müssen zurückstecken

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In der westdeutschen Bundesrepublik gab es einen einzigen Bürger-Präsidenten, ich erinnere mich an das kantige Gesicht und die Hornbrille auf den Briefmarken der Siebzigerjahre. Mit Gustav Heinemann verbindet mich der Geburtstag (ich bin natürlich ein paar Jahre jünger) und das Bändchen mit seinen Präsidialen Reden (edition suhrkamp, vergriffen) gehört zu meinem Inventar. 

Die Qualität unseres Lebens in allen ihren Bezügen steht hier zur überprüfenden Erörterung. 

Am 11. April 1972 richtete Gustav Heinemann diese Worte an eine Versammlung der Industriegewerkschaft Metall: 

Das Tempo, das die unsere Luft, das Wasser und die Erde verseuchenden Einflüsse sowie der Abbau lebenswichtiger Rohstoffe angenommen hat, ist erschreckend. Die junge Generation kritisiert mit Recht das Ausmaß unserer Gedankenlosigkeiten. Um der Zukunft derer willen, die unsere Kinder und Enkel sind, müssen wir alle bereit sein anzuhalten und, wo nötig, zurückzustecken. Lebensführung und Lebensstandard der Industrievölker im ganzen können fragwürdig werden. 

Der gläubige Christ fuhr fort: 

Gott hat nicht gesagt, der Mensch solle die Erde ausbeuten. Er hat uns die Erde anvertraut, und wir haben die Pflicht, sie pfleglich zu behandeln, auf dass sie die Lebensgrundlage auch derer bleibe, die nach uns kommen.  (mehr …)