Herr Brecht, Herr Tavares und Herr Xi Jinping

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Eine Berliner Filiale der Buchhandelskette Thalia bietet derzeit ein umfangreiches Sortiment an chinesischer Literatur an. Erstaunliche Titel finden sich da in den Regalen, beispielsweise China regieren“, eine Reden- und Schriftensammlung des um das Glück des chinesischen Volkes sich kümmernden Staatslenkers Xi Jinping. Nun kam heraus, dass die Regale von der China National Publications Import & Export Corporation bestückt werden und Thalia für die Bereitstellung der Ladenfläche kräftig kassiert.

Es ist übrigens nicht ungewöhnlich, dass derlei Präsentationen, die in dem Laden als Thalia.de Tipp bezeichnet werden, von den Konzernen finanziert werden, deren Bücher da feilgeboten werden.

Unabhängige Verlagshäuser haben es bei Thalia dagegen schwer. Ein Kunde, dem ich aus der Wiener Edition Korrespondenzen das Werk Herr Brecht und der Erfolg“ von Gonçalo M. Tavares (in Ganzleinen für 16 Euro!) ans Herz gelegt hatte, rief mich ein paar Tage später aus einer Thalia-Filiale an, wo man ihm dieses Buch, welches er nochmals verschenken wollte, nicht bestellen konnte: Es gab dort keinen Buchhändler, der diesen Autor Tavares kannte, dem von seinem portugiesischen Vorgänger Saramago einmal der Nobelpreis vorausgesagt worden war.

Der Herr Brecht von Herrn Tavares ist mit seiner Fabulierkunst so erfolgreich, dass die Hütte aus allen Nähten platzt!

Herrn Xi Jinping empfehle ich seine folgende Geschichte:

In einem Land tauchte ein Mensch mit zwei Köpfen auf. Er wurde als Monstrum betrachtet und nicht als Mensch.

In einem anderen Land tauchte ein Mensch auf, der immer glücklich war. Er wurde als Monstrum betrachtet und nicht als Mensch.

Was ist eigentlich eine Buchhandlung?

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Die Kulturstaatsministerin nimmt 20 Millionen Euro in die Hand, um den „Neustart Kultur“ in der Buchbranche zu bewerkstelligen. Unter einem Neustart (auch englisch Reboot oder Restart genannt) eines Rechnersystems (Computer) versteht man das erneute Hochfahren (Booten) des Rechners, wenn dieser bereits eingeschaltet ist. Ein Neustart wird auch Warmstart genannt, entnehme ich Wikipedia. Die Buchbranche gilt als systemrelevant, und klar wird aus den Förderrichtlinien, dass es sich bei dem System um ein Rechnersystem handelt:

Buchhandlungen mit Sitz oder Niederlassung in Deutschland erhalten Unterstützung für die Digitalisierung ihrer Vertriebswege – von der Anschaffung zeitgemäßer Hardware über die Einrichtung eines benutzerfreundlichen Webshops bis zu entsprechenden Fortbildungen. Alle Buchhandlungen mit maximal 2 Millionen Euro Umsatz im letzten Geschäftsjahr dürfen sich um die Förderung bewerben, vorausgesetzt ihr Gesamtumsatz setzt sich zu mindestens 50% aus dem Verkauf von Büchern zusammen.

Der größte Buchhändler in Deutschland heißt Amazon. Allerdings gibt es hierzulande auch kleinere Geschäfte, die sich zwar Buchhandlungen nennen, ihren Profit jedoch nicht hauptsächlich mit dem Verkauf von Büchern erzielen.

Was ist eigentlich eine Buchhandlung? Die Antwort bringt mir ein Buch, in dem der Romanautor von seinem Antrieb, eine Bar zu eröffnen, schreibt:

Es kann nicht sein, dass wir unsere gesamte Lebenszeit in keimfreien Büros und keimfreien Fitnessstudios, keimfreien S-Bahnen und keimfreien Wohnzellen zubringen, und es darf nicht soweit kommen, dass die Menschen einander nur noch im Internet begegnen. In einem lebendigen Gemeinwesen müssen die Menschen sich an einem physischen Ort frei begegnen können, man sollte seine Freunde nicht nur bei Facebook haben, und auch in Zukunft wird es Orte geben müssen, an denen wir unseren Tanz tanzen und unsere Lieder singen können in der knappen Zeit, die uns beschieden ist.

Ich wünsche der Kulturstaatsministerin, sie möge nicht nur an Ihrem Rechner sitzen, sondern sich auch einmal von einem Buch überraschen lassen. Das Buch, das ich in der Hand habe, heißt Das Leben ist gut, Alex Capus hat es verfasst.

Das Leben in seiner ganzen Fülle

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Abschiedsfarben heißt (nach Sommerlügen und Liebesfluchten) der neue Geschichtenband von Bernhard Schlink, und diese Farben sind alles andere als düster. Sein Olga-Roman hatte mich zuletzt formal nicht überzeugt, nun aber erkenne ich Schlink als unaufgeregten Autor in seiner schnörkellosen Sprache wieder. Der 75-Jährige vermag es, wie sonst eigentlich nur die großen Zeitgenossen der nordamerikanischen Literatur, in der Kurzgeschichte eine gesellschaftliche Symptomatik erkennen zu lassen, ohne jemals aufdringlich zu wirken. (Na gut, die Sex-Szenen erscheinen schablonenhaft, aber das ging mir bei James Salter auch schon so …)

Das Leid des Einzelnen geht im Leid der Welt nicht auf, das Unvorhersehbare ist es, was uns das Leben in seiner ganzen Fülle spüren lässt. (mehr …)

Eine musikalische Europareise

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Die Nachbarsfamilie ist verreist und der Garten verwaist. Daher ist heute genug Platz für eine große Menge von Menschen, die ich zu einer Abendveranstaltung eingeladen habe. Ein Wunder: der Regen hat während dieser Stunde eine Pause eingelegt.

Katja Beisch hat verschiedene Blockflöten mitgebracht, Anke Böttger das Barockcello und die Viola da gamba. Die beiden weitgereisten Künstlerinnen, die zur Zeit nicht auf Konzerttournee gehen können, haben uns zu einer Europareise durch Frankreich, England, Holland und Deutschland verführt. Besonders hat es mir die Suite in e-moll von Matthew Locke angetan, von dem ich nie zuvor etwas gehört habe. 

Wenn Sie von derart exklusiven Veranstaltungen rechtzeitig erfahren wollen, melden Sie sich bitte für den leselieber-Newsletter an.

Lesen hält wach

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In Ozeanien heißt die vorherrschende Philosophie Engsoz, in Eurasien heißt sie Neo-Bolschewismus, und in Ostasien trägt sie einen chinesischen Namen, der gewöhnlich mit Todes-Kult übersetzt wird, sich aber vielleicht treffender als „Auslöschung des Ich“ wiedergeben ließe. Der Bürger Ozeaniens darf nichts von den Leitsätzen der beiden anderen Philosophien wissen, sondern man lehrt ihn, sie als barbarischen Frevel an der Moral und dem gesunden Menschenverstand zu verabscheuen. In Wahrheit unterscheiden sich die drei Philosophien kaum, und die Gesellschaftssysteme, die von ihnen gestützt werden, unterscheiden sich überhaupt nicht. 

Das sind Sätze aus einem Ullstein-Taschenbuch, das immer in meiner Buchhandlung liegt, immer wieder gekauft und hoffentlich dann auch wirklich gelesen wird.

Es handelt sich um „1984“ von George Orwell, der heute vor 117 Jahren geboren wurde. Er schrieb diesen Roman 1948, also 36 Jahre vor dem Jahr, in dem seine Geschichte stattfindet. Nun sind weitere 36 Jahre vergangen und das Buch handelt immer noch und wieder von der Gegenwart.

Der Briefschreiber Marcel Reich-Ranicki

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Heute wäre Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt geworden, und aus diesem Anlass brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vorgestern ein paar bislang unveröffentlichte Briefe an Schriftsteller, die das Temperament des Chefkritikers der deutschsprachigen Literatur zu spüren bekommen haben. Thomas Anz, der Reich-Ranickis Nachlass verwaltet, lässt anklingen, dass die noch ausstehenden Editionen seiner Briefwechsel etwa mit Günter Grass und Martin Walser mehrere Bände füllen könnten.

Auch ich besitze einen Brief von Marcel Reich-Ranicki! Mein gesamter Briefwechsel mit ihm umfasst allerdings nur wenige Zeilen, welche die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor mehr als sieben Jahren abgedruckt hat: Sie können auf diesen Seiten meinen Beitrag dazu lesen!

„Auf Goethe sollten Sie natürlich nicht verzichten“, riet mir Reich-Ranicki also, und so habe ich immer den West-östlichen Divan im Laden stehen, aus dem ich gerne (ausnahmsweise ohne Mundschutz) rezitiere:

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: / Die Luft einziehn, sich ihrer entladen; / Jenes bedrängt, dieses erfrischt; / So wunderbar ist das Leben gemischt.

Ein Geisterspiel

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Liebe Kinder, gebt gut 8, was der Buchhändler euch sacht: heute Nachmittag halb4, schauen in das Buch hier wir, welches Antje Kunstmann brachte, weil es Nadia Budde machte:

Daraus, blaugelbrot maskiert, eine Geister11 anstiert uns und seufzt mit schrägen Stimmen und lässt ihre Augen glimmen. 

Gemalt mit breitem Pinselstrich ist es und tut reimen sich: Wenn am Ende nicht die Bayern sich als Geistermeister feiern, stimmt das Buch uns froh und heiter. Gern empfehlen wir es weiter.

We will meat again

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Ich gehe gar nicht raus, wissen Se, in meinem Alter ist man Risiko. Jetzt nervt also auch noch die olle Renate Bergmann mit ihren Durchhalteparolen: Auch in der schweren Zeit nach dem Krieg konnten wir nicht sagen:  „Ich gehe mal schnell los und hole Rindsfilet“, sondern man musste gucken, was man dahatte und daraus was zaubern.

Also mir ist dieses neue Buch der Online-Omi viel zu staatstragend, da ziehe ich mir lieber nochmal die letzten Ansprachen von Queen Elizabeth rein …

Ich lasse mich doch von einer Spandauer Rentnerin nicht bevormunden! I will meat again, also beef will ich und go to the Wirtshaus um die Ecke (Rolandseck calls it in Friedrichshagen), sobald es wieder aufmachen darf.

Und wenn ich nun doch ein Buch empfehlen soll, dann nehmen Sie irgendeines von Elizabeth, von der ist nämlich jedes ein tolles! Ich rede von Elizabeth Strout, bei der es deftig zur Sache geht, die aber auch herzzerreißende Szenen hervorzuzaubern versteht. Ich bin gerade bei Amy & Isabelle, da kommt eine liebenswerte Figur vor, die immer nur fett genannt wird und über ihre Verdauuung spricht. Und da gibt es die Episode, als Isabelle, die nichts richtig auf die Reihe kriegt, sich vor Scham verkriechen möchte, als sie in einer Buchhandlung nach Yeats fragt und ihn wie Keats ausspricht.

If yo meet me at the bookstore, dann zeige ich Ihnen also gerne alle Bücher der Strout. Falls Sie aber ein Buch der Bergmann erwerben wollen, ist es mir auch Wurst. Hauptsache: Cash kommt in die Kasse.

Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche

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Die Buchbranche behauptet, dass heute der Todestag des Theaterdichters Shakespeare sei, und feiert aus diesem Anlass den Welttag des Buches.

Für mich ist das die Gelegenheit, Sie auf ein besonderes Naturschauspiel hinzuweisen, welches, wie David Rothenberg in seinem gerade bei Rowohlt erschienenen Buch bemerkt, so nur in unserer Stadt wahrzunehmen ist: Wir leben in der Hauptstadt der Nachtigallen!

Hören Sie wohl!

Aus Jeff Bezos‘ Garage

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Im Deutschlandfunk hörte ich heute früh, dass in Deutschland die Ansteckungsrate mit dem Coronavirus weiter gesunken sei: Laut Statistik des Robert Koch-Instituts steckt jeder Infizierte nunmehr weniger als einen weiteren Menschen an, nämlich nur etwa 0,7 Menschen. Ob eher der Kopf oder der Rumpf der Ansteckung entgehen kann, wurde nicht dazu gesagt. Über so etwas kann ich lachen.

Der Deutschlandfunk berichtete auch, dass in den letzten Wochen die deutschen Privathaushalte 20 % mehr Müll produziert haben als in einem Vergleichszeitraum davor. Aus meiner eigenen Anschauung kann ich dazu sagen: Das Fahrzeug des Deutschen Paketdienstes, eines vertrauenswürdigen und zuverlässigen Unternehmens, erreicht neuerdings erst nach 14 Uhr die Buchhandlung. Vor der sogenannten Krise war das um 12 Uhr der Fall. Niko, der Paketfahrer, ein immer gut aussehender und angenehm riechender Mann (meine Mitarbeiterin kann es bezeugen), Niko also sagt, er habe so viele Pakete an Privathaushalte auszuliefern wie nie zuvor. Von einer Konsumkrise kann also nicht die Rede sein, die Verpackungsmüllberge zeigen es.

Neulich abends hielt ein Privatfahrzeug aus dem Landkreis OPR vor der Buchhandlung an. Es gab offenbar keine Grenzkontrollen zwischen den Ländern Brandenburg und Berlin. Der Fahrer stieg mit 3 Paketen aus und hatte große Schwierigkeiten, diese an 3 Friedrichshagener Adressen zu verteilen, da er sich hier nicht besonders gut auskannte. Es war leicht zu erkennen, dass er diese Pakete aus Jeff Bezos‘ Garage abgeholt hatte.

Man weiß ja, dass Jeff Bezos Privatleute angeheuert hat, die sich etwas dazuverdienen wollen, um das Zeug aus seiner Garage unter die Leute zu bringen. Interessant wäre es nun zu erfahren, wieso in einer Situation, in der die private Bewegungsfreiheit so weit eingeschränkt ist, dass ein Berliner sein eigenes Grundstück außerhalb der Stadt nicht betreten darf, derlei Privatverkehr im Auftrag von Jeff Bezos stattfinden kann.

Meine These: Offensichtlich ist Jeff Bezos‘ Unternehmen dem technokratischen Regime nicht unterworfen, dessen Regeln wir zu befolgen haben, sondern es gehört diesem technokratischen Regime an.