Mit allen Sinnen die Erpe entlang

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Die Hamburger, Magdeburger und Dresdnerinnen werden es nicht glauben: Wenn im Kreuzworträtsel nach einem großen deutschen Fluss mit vier Buchstaben gefragt wird und als erster und letzter Buchstabe das E dasteht, dann muss es natürlich die ERPE sein!

Für die Blauflügel-Prachtlibelle jedenfalls, die über dem Flusslauf tanzt, ist der Nebenfluss der Spree der größte!

„Im Reich der Wildpflanzen“, dem Erpetal also, unterwegs sein können Sie mit Susanne Herrmann, die Ihnen diese Wanderung als eine von 33 „Auszeiten für die Seele“ in und um Berlin nahe bringt (Polyglott-Verlag, 18,99 Euro). Die Autorin ist als Wanderführerin und Naturpädagogin aktiv. „Bevor Sie das Smartphone zücken, schauen Sie erst einmal selber ganz genau hin“, um die „Wildpflanzen mit allen Sinnen“ kennenzulernen, rät sie.

Was Sie dann üppig in die Höhe schießen sehen, könnte die Knoblauchsrauke sein. Sehr präsent ist auch die Nachtkerze. Susanne Herrmann weist in dem Buch darauf hin, wie diese Kräuter in der heimischen Küche einzusetzten ist. 

Wenn Sie dann im Laufe der Wanderung auf die im Erpetal kauernden Wasserbüffel stoßen, können Sie sicher sein, dass diese nicht zum Verzehr geeignet sind.

Ein außergewöhnlicher Sommer

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Aus dem Nachlass Gustave Flauberts sind mehrere Konvolute überliefert, die man dann zu dem Wörterbuch der gemeinen Phrasen zusammengefasst hat. Hans-Horst Henschen, der im Wallstein-Verlag eine Neuausgabe besorgt hat, nennt es ein Verzeichnis von „Leitsätzen der kalauernden Vernunft“. 

Was sich zum „Sommer“ so sagen lässt, fasst Flaubert folgendermaßen zusammen: 

Ein  — ist immer „außergewöhnlich“, gleich ob heiß oder kalt, trocken oder feucht.

Die tierische Freude der Traurigen

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Als ich kürzlich gefragt wurde, welches Buch ich am häufigsten gelesen habe, antwortete ich spontan: Madame Bovary. Die deutschen Ausgaben dieses unvergleichlichen Romans von Gustave Flaubert gehören zu meinen Sammelgebieten, im Buchladen steht immer die gerühmte Übersetzung von Elisabeth Edl (dtv, 16,90 Euro). 

Wenn ich tiefer überlege, gibt es jedoch ein anderes Buch, in welches ich mich viel häufiger versenkt habe: das sind die Aufzeichnungen des Hilfsbuchhalters Bernando Soares. Ich erinnere mich noch an den Ort, an dem ich meine erste Ausgabe von diesem Buch der Unruhe aus einer Bücherkiste gezogen habe; es war ein Modernes Antiquariat in der Nähe der Wiener Votivkirche. Heute nenne ich das Werk Fernando Pessoas in der gerühmten Übersetzung von Inés Koebel mein Eigentum (Fischer, 19 Euro) und immer wieder geht es über den Ladentisch meiner Buchhandlung.

Kein 13. Juni vergeht, ohne dass ich einen Blick in dieses Buch werfe, und jedesmal überrascht es mich neu: 

Die Sucht nach dem Absurden und Paradoxen ist die tierische Freude der Traurigen. So wie ein gewöhnlicher Mensch aus Lebensfreude Unsinn redet und aus Übermut anderen auf die Schulter klopft, schlagen die zu Begeisterung und Fröhlichkeit Unfähigen intellektuelle Purzelbäume und vollziehen so, auf ihre Weise, die Bewegung des Lebens. 

Wenn Sie weiter lesen wollen, dann teilen Sie mit mir die tierische Freude daran, dass dem Gedächtnis Fernando Pessoas ein Absatz in dem Buch über Die Bölschestraße gewidmet ist, welches Rolf Schneider im vorigen Jahrzehnt verfasst hat (be.bra, 12 Euro). Wie es dazu gekommen ist, das ist in diesen Webseiten nachzuschlagen … 

Sibylle Lewitscharoff (1954-2023)

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Wo sie eine Meinung hatte, war sie schwach: „Mein von außen mir anbehauptetes Ich, dieses ekelerregende stinknormale Ich-Ich-Ich, kann gar nicht anders, als auf schwatzhafte Weise seine dürftige Existenz zu behaupten“, sagte sie zu ihrer Aufnahme in die Berliner Akademie der Künste.

Ihr „Wider-Ich“ nannte sie das, was sich durch sie äußerte: in ihrer Kunst war sie groß, den Alltag zu überwältigen, sie knüpfte ein Gewebe aus Träumen und Hirngespinsten. 

Die ererbten „Familien verdienen es, vernichtet zu werden“, sagte sie. In ihre „kopfkissenerzeugte“ Verwandtschaft hingegen versetzte sie sich mit Lust. In der kurzen Akademie-Rede, welche im SINN UND FORM-Archiv zu finden ist, deutete Sibylle Lewitscharoff somit die Ahnenreihe an, welche sie sich angeeignet hatte: sie reichte von Heimito von Doderer bis zu Robert Gernhardt. 

Nun hat die große schwäbische Schriftstellerin und (un)heimliche Romantikerin ihre irdische Existenz beendet. 

Trotz Baustelle geöffnet

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Kettengetriebenene Fahrzeuge sind auf der Bölschestraße unterwegs, aber keine Angst: hier sind keine Panzer, das ist nicht der Krieg. Es handelt sich bei diesen Geräten vielmehr um eine Art von Baggern, welche für die schöpferische Zerstörung sorgen, die der Kapitalismus bedeutet.

Es wird eine neue Erdgas-Versorgungsleitung verlegt und somit sind Tiefbauarbeiten am Straßenrand notwendig, heißt es. Man sieht also, dass wir noch längere Zeit auf die Versorgung mit Gas angewiesen sein werden, um stets komfortable Temperaturen in unseren Wohn- und Geschäftsräumen zu erreichen.

Der Ackermann-Verlag weiß um die Attraktion, welche das Baustellengeschehen für Jung und Alt darstellt; in seine Kollektion preiswerter Wandkalender hat er jetzt auch einen mit 12 Motiven von Bagger & Co. aufgenommen, Sie lesen richtig: im Frühjahr schon ist die Edition für 2024 erschienen! Auch die Adventskalender lassen nicht mehr lange auf sich warten, das ist der kapitalistische Fortschritt: Alles soll jederzeit verfügbar sein für diejenigen, die es sich leisten können. 

Jahrestage

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Ich habe es diesen Monat mit den Schnapszahlen: Am 7. März haben die Abonnenten des leselieber-Newsletters meinen Beitrag zum 77sten Geburtstag von Silvia Bovenschen bekommen, der viel Beachtung hervorgerufen hat. Und heute, da feiert der große Meister der kleinen Form seinen 88sten Geburtstag, also Glückwunsch!, stets stehen seine schmalen Bücher griffbereit im Regal neben der Schnapsflasche.

Ich staune, dass er in der Buchhandlung zu den Bestseller-Autoren gehört! Das meistverkaufte Insel-Büchlein Überraschung! (7 Euro) bringt die besten Sekundenstorys der Welt, also ist Peter Bichsel reichlich darin vertreten: 

Der Lebenslängliche befragt, wie er das aushalte oder mache all diese Jahre im Gefängnis, antwortet: „Weißt du, ich sage mir immer, diese Zeit, die ich hier verbringe, müsste ich draußen auch verbringen.“ 

Das Leben will gelebt werden, und alle Jahrestage, die wir ihm aufdrücken, halten die Zeit wohl nur eine Sekunde an. 

Faschisten allenthalben

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Wenn heute mitten in Berlin eine Demonstration stattfinden wird unter dem Motto, der deutsche Staat solle den Kämpfern in der Ukraine das Geschenk von Kriegsgerät vorenthalten, mit dem diese die von dem als faschistisch verschrieenen Moskauer Regime angetriebenen Invasoren aus ihrem Land zu vertreiben beanspruchten, werden sich wohl auch Mitarbeiter verschiedener Geheimdienste unter den Teilnehmenden tummeln. Es heißt nämlich, die Kundgebung werde von deutschen Faschisten unterwandert, sodass es sich bei der Friedensbewegung um ein Bündnis von ganz links bis rechts handele, das unserer freiheitlich-demokratischen Staatsordnung gefährlich werden könne.

Faschisten also allenthalben.

Ich finde aber, zu unserer Kultur gehörte die christliche Feindesliebe, und bedaure es selbst, wenn auch jene jungen Männer verrecken müssen, die gerade ihr Überlebensdrang dazu gebracht hat, sich einer verbrecherischen Söldnertruppe anzudienen. Es sind die Armen, die jung sterben.  (mehr …)

Katzen in den Kreml!

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Wladimir Putin habe sich leider nicht so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt hätten, habe ich irgendwo gelesen.

Was können wir nun noch unternehmen, um den Tyrannen zu besänftigen?

„Den Menschen geht es immer nur um Ego und Stolz, was zu Konflikten führt. Also wurde jedem höheren Anführer auf der ganzen Welt eine Ninja-Katze zugeteilt. Und jedes Mal, wenn ein Präsident einen dicken Hals bekommt und kurz davor ist, etwas Dummes zu tun … Nun ja, dann tun wir, was Katzen schon immer getan haben. Wir sind süß, setzen uns auf seinen Schoß, schnurren und senken damit seinen Puls, all das, was Menschen entspannt und davon abhält, etwas Unüberlegtes zu tun. Kurz gesagt, ohne uns wäre die Welt das absolute Chaos.“

Also wünschen wir uns, dass nicht der britische Geheimdienst den Konflikt im Osten Europas anheizte, sondern der „ALTEHRWÜRDIGE ORDEN DER INTERNATIONALEN NINJA-KATZEN“, von dem hier (in dem kuriosen Kinderbuch NINJA CAT) die Rede ist, ihn zu befrieden unternähme.

Katzen in den Kreml! Putins zähnefletschende Hunde gehören nach Sibirien verbannt. 

Die Sonne ging auf und sah alles

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Am Mittag des 24. Dezember war ich im Begriff, den Laden zu schließen, da fuhr Herr B. mit seinem Klapprad heran und rief mir die Frage zu, welches Buch ich denn über die Feiertage lesen werde. Ich antwortete: Einen Roman von Sillanpää. Er: Wie sich der buchstabiere? 

S-I-L-L-A-N-P-Ä-Ä !

Frans Eemil Sillanpää lebte von 1888 bis 1964. Ihn in diesen Tagen zu lesen liegt nahe, da der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1939 in seiner finnischen Heimat wegen seiner alljährlichen Rundfunkansprache an Weihnachten nie in Vergessenheit geraten ist. Bei uns ist es Sebastian Guggolz zu verdanken, dass seine Werke in frischem Deutsch wieder greifbar sind.  

„Jung entschlafen“ (Guggolz, 24 Euro), das Buch, das Sillanpää vor hundert Jahren niederzuschreiben begonnen hat, strotzt vor bedrückender Gegenwart. Damals schon hat ein russischer Krieg „so furchtbare Umwälzungen in der ganzen Welt verursacht, dass nichts mehr von dem, was vorher war, erreichbar ist“. Die Wirren der Kämpfe durchdringen zum Ende hin den ganzen Roman und führen zu Tod und Verderben.

Doch hebt das Buch an mit einer Hymne auf das Leben: „Die große Wanduhr schreitet langsam und stetig durch alle Momente des Lebens hindurch, Minute für Minute, durch Fest- und Alltag, durch Windstille und Wind. Jeder, der am Leben ist, muss sie ja doch alle selbst erleben, und über jede Minute muss zumindest insofern Rechenschaft abgelegt werden, dass nach ihr eine weitere beginnt.“  (mehr …)

Schneeflocken zwischen den Seiten

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Ich bin nicht alleine damit, dass die Aufzeichnungen von Peter Handke zu meinen Lebensmitteln gehören.

Und immer noch, wie damals vielleicht mit siebzehn, möchte ich die Seiten eines zu schreibenden Buches füllen mit nichts als Wind und zwischen die Seiten treibenden Schneeflocken

steht irgendwo darin.

Peter Handke ist am 6. Dezember 1942 auf die Welt gekommen, doch sein ewiges Alter ist siebzehn. Wenn Sie auf einer Waldwanderung hinter der Weltstadt einem jungen Mann begegnen, könnte es Peter Handke sein.