Der Traum und das Leben

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BdN_Nerval_Aurelia_Cover_2D_web-26a453f5Gérard de Nerval ist im deutschen Sprachraum nahezu vergessen, obwohl er doch ein großer Kenner der deutschen Literatur war. In der „Bibliothek der Nacht“ liegt nun sein „Le Rêve et la Vie“ (1855) vor, Jahrzehnte vor Freuds und Kafkas Werken entstanden, eine tiefgründige Analyse menschlicher Identität:

„In jedem Menschen gibt es einen Beobachter und einen Handelnden, den der spricht und den der erwidert. Beide durch stoffliche Wahlverwandtschaft an den gleichen Leib gebunden, ist der eine vielleicht für den Ruhm und das Glück bestimmt und der andere zur Vernichtung oder zu ewigem Leiden.“

Vielleicht: ein schönes Wort, aber auch ein grausames …

Wir ahnen unsere Bestimmung, aber wir wissen nicht, ob wir selbst sie erfüllen können oder ob es der andere für uns tut.

Schöneiche, Wien und Berlin

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9783898091022Als vor einigen Monaten in Friedrichshagens Rathaus ein Leseabend stattfand, welcher dem Vorhaben gewidmet war, die Schließung der örtlichen Johannes-Bobrowski-Bibliothek zu verhindern, war auch Rolf Schneider, der als Einwohner der benachbarten brandenburgischen Gemeinde Schöneiche dem Berliner Stadtteil Friedrichshagen seit Jahrzehnten verbunden ist, mit einem Vortrag dabei: er las aus „Die Tante Jolesch“ von Friedrich Torberg das Kapitel über die legendären Krautfleckerln ebenjener Tante, deren Rezept sie mit in ihr Grab zu nehmen drohte. (mehr …)

Ein Buch, das die Welt der Kindheit bedeutet

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978-3-8479-0579-0-Gaiman-Der-Ozean-am-Ende-der-Strasse-grossDieses Buch ist ein Wunder, es hat mich gefesselt wie vielleicht seit meiner Kindheit keines mehr. Als Kind erlebte ich reine Gegenwart, die Kröte in der Hand, die ich am Straßenrand auflas, den Geschmack von Vanillesoße, die ich alleine aufaß, den Duft des Buches, das ich unter der Bettdecke las.

Meine Kindheit ist gar nicht vergangen, das hat mir dieses Buch gezeigt: Hier ist das Buch, das eine Welt bedeutet, wie ein Bottich voll Wasser den Ozean bedeuten kann. (mehr …)

Eine ergreifende Lebensgeschichte

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beschuetz_mein_herz_vor_liebe-9783423212502„Beschütz mein Herz vor Liebe“: als ich den Titel las, dachte ich, mein Gott!, das hört sich aber kitschig an. Weit gefehlt, lieber Leser! Wer einmal ein Buch von Asta Scheib gelesen hat, der weiß, dass der Inhalt ihrer Romane ganz das Gegenteil ist.

Die Geschichte der Therese Rheinfelder, von Asta Scheib aufgegeschrieben, ist unglaublich; ihre ganze Familie wurde von den Nazis ausgelöscht.

Das Buch ist beeindruckend, ergreifend, traurig, oft schmerzlich und wunderbar erzählt. Es ist zu Herzen gehend. Man möchte es nicht aus der Hand legen.

Der Ernst des Sterbens

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332_55218_129504_xlNietzsche, Mencken, Chesterton, Hitchens. Die großen (ironischen) Denker beziehen ihre Kraft aus der Überheblichkeit, die materielle Welt geistig bewältigen zu können. Christopher Hitchens hat nun aber den schmerzlichen Prozess zu beschreiben, wie kein Denken gegen den rasanten materiellen Verschleiß ankommt, welchen die lebensbedrohliche Krankheit bedeutete, die ihn plötzlich befiel. (mehr …)

Das Leben ein Traum

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Das ist ein philosophischer Roman, Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ werden nicht grundlos zitiert. Es geht darum, wer wir sind, wie wir leben sollen und wie wir wirklich leben, wie sich eine Lebensgeschichte bildet, indem sie ihre Bedeutung aus der Gegenwart zieht: „viele Erinnerungen [werden] wegen einer rückwirkenden Weichenstellung eliminiert“. Die „Erkenntnisse“, die auf Seite 179 beginnen, will ich nicht vorwegnehmen, um Ihnen den Spaß an der Auflösung von Weitlings Geschichte nicht zu nehmen.  (mehr …)

Ohne Bücher geht es nicht

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Jean_Paul_Sartre_Die_Woerter„So hat es mit mir angefangen“, heißt es in diesem Buch, das mich vielleicht am tiefsten geprägt hat: „Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern. […] Ich blieb allein, entschlüpfte dem banalen Friedhof und kehrte zurück zum Leben, zum Wahnsinn in den Büchern.“  (mehr …)

Die toten Winkel der Erinnerung

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„Liebe, Sex, Moral, Freundschaft, Glück, Leid, Verrat, Ehebruch, Gut und Böse, Helden und Schurken, Schuld und Unschuld, Ehrgeiz, Macht, Gerechtigkeit, Revolution, Krieg, Väter und Söhne, Mütter und Töchter, der Einzelne gegen die Gesellschaft, Erfolg und Versagen, Mord, Selbstmord, Tod, Gott und Schleiereulen.“ Das ist alles, worum es in der Literatur geht, so fasst es Julian Barnes in „Vom Ende einer Geschichte“ (2011 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet) kurzerhand zusammen. Die großen Themen dieses Romans kommen in dieser Aufzählung allerdings nicht vor: Erinnerung und Selbsttäuschung, Verantwortung und Reue. (mehr …)

Selbstbewusstsein auf der Guillotine

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978-3-596-18114-8„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Der einleitende Satz des Romans „Der Proceß“ aus dem Nachlass Franz Kafkas klingt zwar wie ein Schuldeingeständnis, der Bankbeamte Josef K. jedoch hält sich für unschuldig und so tritt er den zwei Gerichtsboten, die an diesem Morgen seines dreißigsten Geburtstags in seinem Zimmer erscheinen, um ihn zu verhaften, mit gehörigem Unverständnis entgegen. „Das Verfahren ist nun mal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren.“  (mehr …)