Der Leser als Voyeur

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978-3-257-06945-7Der Beobachtende ist nie passiv. Jede Silbe des Gesagten hallt in ihm wider, noch so sublime Wechsel in Mimik und Gestik werden von ihm registriert. Wie in einem Traum, streift er sich das Leben eines anderen über. Er betritt das Drahtseil und balanciert. Auf den Handflächen bilden sich Tröpfchen, sein Blick schweift und weicht aus. Die Geschichte zieht ihn tiefer hinein. (mehr …)

So wahr ich Frau Horn heiße

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33897959Sitzen zwei Frauen auf einer Friedhofsbank. Sie heißen Frau Maultasch und Frau Blattschuss, Frau Zipp und Frau Pahl oder Frau Glöde und Frau Kling. „Der Name bleibt, damit man nicht umsonst gelebt hat.“ Sie sitzen da jeden Tag, stoisch, manchmal gar im Wasser, also im Wetter, das als Regen an ihnen herunterläuft. Es gibt Tage zum Wegschmeißen und Tage, naja, solche und solche. Morgen ist wieder ein Tag. So oder so. Ach so. (mehr …)

Ein gehaltvolles Jugendbuch

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36861Melina hat es schwer: Ihr kleiner Bruder starb durch plötzlichen Säuglingstod, ihre Mutter leidet seitdem unter tiefen Depressionen und ist kaum noch ansprechbar, ihr Vater ist mit der Situation total überfordert, und nun steht auch noch ihr erster Schultag im Gymnasium an. Und gleich verläuft alles schlecht: Sie muss alleine frühstücken, das Nachbarmädchen ignoriert sie auf dem Weg zur Schule und ein Schüler macht sich schon in der ersten Unterrichtsstunde über sie lustig. (mehr …)

Am Rand von Paris

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g-Dabit-Eugene-Hotel-du-NordZola, Simenon, Modiano haben für mich bislang die literarische Topographie der Stadt Paris gezeichnet, nun kommt Dabit dazu als ein weiterer französischer Klassiker der Moderne, frisch übersetzt von Julia Schoch.

Das „Hôtel du Nord“ stellt einen Mikrokosmos dar, in dem die Menschen, die an den Rand der Gesellschaft verwiesen sind, um Selbstbehauptung ringen, Liebe ersehnen und erleben, aber auch mit Enttäuschungen zurande kommen müssen – „in enge Fächer unterteilt“, erscheint es „wie ein Bienenstock“, in dem sich das Werden und Vergehen einer ganzen Welt abspielt.

La Grande Tristesse

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23312532z„La tristesse“ ist der zentrale Begriff in George Steiners Abhandlung über das Denken. Angelehnt an die Philosophie Schellings und mit einem Zitat aus dessen Werk „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“ beginnend, führt er den Leser durch ein zehn Punkte umfassendes Traktat, welches diesen bereits nach wenigen Seiten in einen Schleier der Schwermut einhüllt. (mehr …)

Wenn der Text Leser und Autor entwischt

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Der Schriftsteller setzt sich hin, schreibt seinen Text auf totes Holz, auf dass er da ruhe, gelesen und interpretiert werde, das schon, sich aber ansonsten nicht zu rühren habe. So soll es sein, ist es aber nicht, in Wolf Haas’ neustem Buch. Wie Franksteins Monster löst sich der Text von seinem Schöpfer, macht sich selbstständig, biegt um Ecken, fährt im Fahrstuhl quer über die Seiten, oder verwandelt sich in seitenlange chinesische Schriftzeichen – für den Durchschnittsleser nicht entzifferbar. Aber schön anzusehen! (mehr …)

Die Seele, unsere Substanz

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alles_was_wir_geben_musstenKazuo Ishiguro beschreibt in diesem Roman eine mögliche Zukunft. Er führt uns in eine Welt, in der es zwei menschliche Existenzen gibt, die sich ausschließlich in ihrem Schicksal unterscheiden. Ganz leise führt uns die Protagonistin Kathy H. durch die Geschichte, wenn sie im Jetzt ihres 31. Lebensjahrs eintaucht in Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend: „Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. […] Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. […] Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten – Tommy, Ruth, ich, wir alle.“ (mehr …)

Fürchterliche Selbstbeobachtung

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38007Unsere Existenz ist trivial, mal leiden wir daran, mal lachen wir darüber. Wir Bernhardleser halten unsere Existenz aus, indem wir lesend davon existieren, dass nichts auf dem Spiel steht als unsere Existenz. Dass wir alle „nämlich weiterexistieren wollen, weil wir ganz einfach weiterexistieren müssen“, spricht mit Bernhard aber nur die Person aus, die nicht „einfach weiterexistieren“ kann, weil sie sich in der „fürchterlichen Selbstbeobachtung“ als Gescheiterte wahrnehmen muss. (mehr …)